WIE BILDUNG UND KULTUR ZUSAMMENHÄNGEN

30.05.2030, Marktplatz, Malchin.Während meiner gestrigen Mittagspause setzte ich mich neben eine Frau ungefähr in meinem Alter in einem Café am Marktplatz – ein sehr beliebter, da begrünter und kulinarisch einladender Ort. Es dauerte gar nicht lange, und wir fingen an, uns angeregt zu unterhalten. Als ich ihr meinen Namen sagte, Julia Müller, als Historikerin im Bildungscampus und an der Akademie für Klimaresilienz beschäftigt, musste sie herzlich lachen. Ihr Name sei ebenfalls Müller, Helene!

Helene Müller hatte wie so viele direkt nach der Schule die Stadt Malchin verlassen, um zu studieren und einen Briten geheiratet. Sie lebten viele Jahre in London und zogen später nach Hong Kong und in andere große Städte.

Vor einem Jahr zog es sie wieder in ihre Heimatstadt Malchin, zusammen mit ihrem Mann, da beide als Experten für regionale Kreislaufwirtschaft einerseits von Malchin lernen, aber andererseits auch ihre Erfahrungen teilen wollten. Beide waren im Gründer- und Resilienzzentrum der Akademie angestellt.

Wir kamen darauf, dass Helene Müller ein Jahr später als ich ihr Abitur gemacht hatte. Und sie konnte sich noch sehr gut an ein Interview mit ihrem Lieblingslehrer und damaligem Schuldirektor des Fritz-Greve-Gymnasiums aus diesem Sommer erinnern und erzählte mir folgende Geschichte:

Das Interview wurde damals von einer Studentin der Sommeruniversität geführt und schlummerte bis zum Jahresende 2015 auf dem Blog der Zukunftsstadt Malchin. In dem Interview ging es um die Zukunft von Malchin, also, ob die Stadt ein Ort sein wird, wo es die Menschen hin zieht. Der Schulleiter formulierte es unprätentiös. Malchin war im Jahr 2015 kein so ganz schöner Ort zum Leben. Die Arbeitslosigkeit war hoch, viele pendelten, in die Dörfer kam man nur mit dem Schulbus. Besonders charakteristisch war damals, dass es wenig kulturelles Leben in Malchin gab und die Menschen auch wenig zu gemeinsamen kulturellen Aktivitäten motiviert waren. Zudem haperte es schon an den einfachsten Dingen, wie Räumlichkeiten für Kulturveranstaltungen.
Kurz vor Weihnachten erschien die Schlagzeile im Nordkurier,
Schulleiter rechnet mit der Stadt Malchin ab
Was hat das für Wellen geschlagen. Zuerst Empörung, dann wurde man nachdenklicher.

Ich bestätigte Helene Müller, dass dies ein wichtiger Impuls war. Die Malchiner machen sich nichts mehr vor, wenn es um Schwachstellen geht. Im Laufe der Jahre haben sie Kulturtechniken entwickelt, die sie dazu befähigen, offen, selbstkritisch und humorvoll Auseinandersetzungen mit der Stadt auszutragen. Und das Interessante war damals, dass eine Diskussion über Identität initiiert wurde, über die Besonderheiten Malchins, über mögliche Profilierungen und das vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen wie dem Klimawandel, Migration und Arbeitslosigkeit, um nur einige zu nennen!

Helene Müller wies mich auf einige Backpacker, die das Café betraten und bemerkte zufrieden, dass sie sich immer wieder freue, wenn Gäste aus anderen Gegenden und Nationen in unseren Ort kommen. Aber sie glaube nicht, dass nur der Tourismus allein Malchin zu dem Ort gemacht hat, der er heute ist. Die Touristen bringen Geld in schwache Regionen, klar. Aber zum Glück erlebte die Gegend hier nie den Massentourismus, denn der entfremdet eine Region eher, als dass er ihr wirklich hilft. Der Tourismus hier ist eher eine Art Individual- und Bildungstourismus. Die Menschen, die es hierher verschlägt, respektieren die Natur und die Menschen, die hier wohnen. Kultureller Austausch auf Augenhöhe findet statt. Und natürlich ergaben und ergeben sich auch Freundschaften.

So sinnierten wir über Malchin und wie es seit jenem denkwürdigen Jahr zu dem geworden ist, was es heute ist. Leider war meine Mittagspause dann aber vorbei und ich musste zurück in die Konferenz.

 


Diese fiktionale Geschichte basiert auf einem Gespräch zwischen Herrn Scherer, dem derzeitigen [Stand 2015] Direktor des Fritz-Greve-Gymnasiums und den Herausgebern dieser Webseite. Wir danken Herrn Scherer für die ausführlichen Informationen.

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