STADTSPAZIERGANG

Mach einen Stadtspaziergang und entdecke Orte hinter den Fassaden!


Wir sind Spaziergänger!

Strollology: Die Szenerie einrahmen

Strollology: Die Szenerie einrahmen

Wir laufen jeden Tag durch unsere eigene Stadt, meistens ohne große Aufmerksamkeit. Einer der Wissenschaftler, welcher für die Zeit der Konferenz nach Malchin kommt, lud uns zu einem Experiment ein: Wir sind wieder im Jahr 2015 und machen uns Gedanken um die Zukunft von Malchin. Wir spazieren durch die Stadt, und rahmen alle sichtbaren Dinge mit unseren kleinen Bilderrahmen ein – die Gebäude, die Plätze, die Sehenswürdigkeiten. Wir enthüllen die kulturellen Hintergründe und schauen so hinter die Fassaden.

Diese Herangehensweise wurde von Lucius Burckhardt im letzten Jahrhundert entwickelt und er nannte sie die Wissenschaft des Spazierengehens (Strollology, Promenadologie).

Malchin Rathaus|Foto: Doris Antony, Berlin

Malchin Rathaus | Foto: Doris Antony, Berlin | CC BY-SA 3.0

Wir starteten am Rathaus von Malchin und, wirklich, zum ersten Mal wurden mir die Säulen um den Eingang bewusst. Sie sind mehr, als ein paar Verzierungen, denn ihr Stil ist an den antiker Tempel Griechenlands angelehnt – dem Geburtsort der Demokratie, der Basis unserer modernen Gesellschaft!

Die Spaziergangswissenschaft und die Verknüpfung des Offensichtlichen mit dem nicht Sichtbaren helfen uns die Geschichten der Vergangenheit zu entdecken und daraus neue Geschichten für die Zukunft zu entwickeln.

Wir gingen weiter und überquerten die schmale Straße gegenüber des Rathauses. Vor 40 Jahren setzten sich einige Einwohner für die Sperrung der Straße für den Autoverkehr ein. Damals wurden die 10 befürwortenden Stadträte von 11 Gegnern der Idee überstimmt. Letztlich wurde ein Kompromiss geschlossen, und die Straße in eine Einbahnstraße umgewandelt.

Unser nächster Stopp war am Kriegsdenkmal von 1870/71. Hier wurde eine andere Geschichte der Entscheidungsfindung enthüllt – die Geschichte der „Hosenbeinsituation“. Nun, in der Zukunft dieser Vergangenheit, mussten wir erkennen, dass nicht alle Entscheidungen positive Folgen haben: Junge Männer aus Malchin mussten in einem Krieg in der Fremde sterben, für Ziele und Interessen, die nicht die ihren waren. Die Optionen in der damaligen Situation waren wie die zwei Beine einer Hose. Egal in welches Bein man zuerst schlüpft, man kann nicht wissen was einen am Ende erwartet und welche Option die richtige ist, oder ob gar beide verheerend sind.

Peter Joseph Lenné, einer der in Deutschland berühmtesten Landschaftsarchitekten des 19. Jahrhunderts, plante zahlreiche Parks mit Weggabelungen, die an Hosenbeine erinnern: Um den Spaziergang fortzusetzen, muss man seine eigene Entscheidung treffen, links oder rechts?

Denkmal der

Denkmal der „Liebe zum Leben“

In diesem Fall war die Situation für uns relativ einfach und wir entschieden uns, den Spaziergang Richtung Wassergraben fortzusetzen. Die Fläche entlang der ehemaligen Stadtmauer wurde zur Verteidigung der Stadt in vergangenen Zeiten genutzt und hielt die möglichen Angreifer auf Abstand. Später wurde sie in einen öffentlichen Park umgewandelt. In den 70er Jahren gab es sogar eine Bühne für Konzerte. Danach verkam der Park immer mehr und wurde vordergründig nur noch als Hundetoilette benutzt. Junge Leute fanden sich zusammen und fingen an, den Park wieder als öffentliche Fläche für die Gemeinschaft zurückzufordern.

Liebe und das Leben

Die Liebe und das Leben

Als wir die Wurzeln eines gefällten Baumriesen einrahmten, kamen wir auf die Idee der Schaffung eines Denkmals für „Die Liebe zum Leben“. Ein Denkmal, das nicht an Gefallene und Verstorbene  vergangener Zeiten in Folge schlechter Entscheidungen erinnern sollte. Wir wollten ein Denkmal für die zukünftigen Generationen setzen! Gebaut auf den starken Wurzeln, zeigt das Denkmal viele Themen, die wir als essentiell für ein gutes Leben und eine verbesserte Art der Entscheidungsfindung von unten (Bottom-Up) ansehen.

Wie wir so die Wiesen überquerten, wurden wir hungrig und dachten daran, wie schön eine Gemeindefarm wäre. Dort würde es freilaufende Hühner geben, deren Eier jeder mitnehmen könnte.

Verrückte Zäune | Privatsphäre ist (auch) wunderschön

Verrückte Zäune | Privatsphäre ist (auch) wunderschön

Im Kontrast zum Gemeingut, rahmten wir als nächstes einen privaten Garten ein. Hinter einem ziemlich hohen und sehr dichten Zaun, konnten wir das Refugium mit zahlreichen Dekorationen aus dm lokalen Baumarkt nur erahnen. „Privat“ kann auch wunderschön sein. Wir wollen eine Zukunft, in der es beides gibt: das Gemeingut UND die Privatsphäre, wo man sich zu Hause fühlen kann.

Wir spazierten weiter, in Richtung der St.-Johannis-Kirche.

Dort gibt es einen großen leeren Platz direkt vor dem Kirchengebäude. Während der letzten Tage des 2. Weltkriegs wurden die hier stehenden Häuser zerstört. Während der Zeit der DDR wurden hier einige Einkaufsläden errichtet und in Nachwendezeiten wieder abgerissen.

Blick vom Kirchturm

Blick vom Kirchturm

Wenn man sich den Boden genau anschaut, kann man immer noch Spuren des Wandels erahnen. Die Narben der grauen Vergangenheit sind noch nicht ganz verheilt. Sie erzählen eine neue, seltsame Geschichte: Die Mitte des Platzes wurde verrückt, um einen besseren Blick auf die Kirche zu geben. Nun soll ein Springbrunnen installiert werden, der frisches Wasser, und hoffentlich frische Gedanken spendet. Er soll die Menschen einladen, zu verweilen, sich auszutauschen und auf dem Platz zu sitzen.

Uhrmacherladen in Malchin

Uhrmacherladen in Malchin

Unser letzter Halt war der Erinnerung gewidmet: Verwende die dir geschenkte Zeit weise! Das Schaufenster des Uhrmachers, vollgestopft mit alten, analogen Uhren, Stand- und Pendeluhren, mit ihren sich immerwährend gleichförmigen Bewegungen öffneten für uns ein Fenster in die Vergangenheit. Die Zeit wurde aufgeteilt in 8 Stunden Schlaf, 8 Stunden Arbeit und 8 Stunden für andere Zwecke, z. B. Entspannung und Freizeit.

Was wäre, wenn wir 8 Stunden dem Schlaf, aber nur 4 Stunden der Arbeit widmeten? Dann würden uns noch 4 Stunden belieben, um uns um die Jungen und die Alten zu kümmern! Es blieben uns weitere 4 Stunden für Liebe und  um das Leben zu genießen! Nicht alle Menschen im Jahre 2015 waren über diesen anderen Blickwinkel auf das Zeitmanagement sofort glücklich. Aber heutzutage, im Jahre 2055 sind wir froh, dass wir unser Leben so leben können. Wir verbringen mehr wertvolle Zeit mit den Menschen und den Tätigkeiten die wir lieben. Wir arbeiten mit verbesserter Produktivität und sind kreativer.

Jung und fremd in Malchin – Eindrücke eines Spaziergangs

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