Archiv der Kategorie: MENSCHEN IN UND UM MALCHIN

Silke Schulz, 46 Jahre (Radiomacherin, Malchin)

„Ich bin froh, dass wir hier aufm Dorf wohnen. Bei uns kommt ja immer alles 25 Jahre später. Noch haben wir hier ein bisschen heile Welt.“

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„Ich gehöre mit zu den in der Statistik auftauchenden allein erziehenden Müttern und die sind dann immer irgendwo am Ende der Nahrungskette.“ So empfindet es Silke als Mutter von zwei Söhnen. Und dennoch engagiert sie sich vielfältig für andere und für die Stadt Malchin und sagt: „Aber wenn man sich das Gesamtpaket anschaut, dann habe ich`s ja nicht schlecht. Ich wohne in einem Haus, hab einen Garten, hab einen Hund, hab einen guten Job,  Auto fahre ich auch. Was braucht man noch zum Glücklich Sein. Freunde, alles hier.“

Silke wurde in Malchin geboren und lebt mittlerweile, 46 Jahre später, wieder in ihrem Elternhaus. Der Wunsch, woanders zu leben und wegen der großen Liebe Malchin zu verlassen, flammte nur kurz auf. „Ich muss meinen Kirchturm sehen… Das ist so!“

Im Kino von Malchin ist sie groß geworden. Ihr Vater war der Leiter und sie geht bis heute noch sehr gern dorthin. Es macht sie stolz, dass Malchin, als einzige Stadt in der Umgebung, noch immer ein Kino hat.

Als die Mauer fiel, war Silke Anfang 20. „Ich hatte schon Hoffnungen, Träume und Wünsche. Aber erfüllt hat sich gar nix davon.“ In Aschersleben studierte sie BWL. Danach hat sie Schwierigkeiten, in Malchin einen festen Job zu finden.

„Ich hab zwar `nen tollen Job, aber kann davon nicht leben.“ Silkes Arbeitsplatz beim Offenen Kanal „Studio Malchin“ ist keine feste Stelle und sie muss deswegen über das Arbeitsamt aufstocken. Das Bürgerradio wird über Projekte von Vereinen und Verbänden getragen. Es steht allen Einwohnern offen und bietet ihnen die Möglichkeit, Radiosendungen selbst zu gestalten, ihre Meinung zu äußern. Silke informiert immer Freitags über die geplanten Veranstaltungen in der Umgebung, moderiert Samstags eine Kindersendung und lässt immer Sonntags für gewöhnliche Radiosender ungewöhnliche Musik, wie z.B. Ska, erklingen.

 „Für mich ist das auch ein kleines Stück vom Glück, dass ich mich einsetze, auch für die Stadt.“ Nachdem Silke gewähltes Mitglied der Stadtvertretung Malchin war, ist sie derzeit aktiv im Ausschuss für Schule, Kultur, Sport, Jugend, Senioren und Soziales. Hier beschäftigt sie sich mit vielfältigen Fragen zu unterschiedlichen Themen: Wo kommt das neue Denkmal hin? Wer organisiert das Weihnachtsfest, wer das Stadtfest? Ist eine Erwärmung des Peenebades sinnvoll?

Auch für Flüchtlinge setzt sich Silke ein. Gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Eltern hat sie auf Facebook eine Gruppe gegründet, um Sachspenden für Kinder zu sammeln. In Ihrem Umfeld beobachtet sie dahingehend unter den Einwohnern eine Gemengelage aus Ignoranz & Angst. Angst besonders unter den Ärmsten der Armen. Silke meint dazu: „Ich hab da kein Verständnis für irgendwo. Ich finde, das sind Menschen und gut ist. Mehr gibt’s da gar nicht zu diskutieren.“

Mei Ling Chen, 17 (Schülerin, Malchin)

„Das Problem als Asiate ist hier, es gibt viele Rassisten. Dann wird man immer gleich angestarrt: ‚Öh, guck mal ein Asiate!‘. Ich bin subkulturmäßig unterwegs – schwarze Szene und so – da hab ich sowieso das Extreme gewählt. Jetzt starren mich die Leute an für etwas, das ich will und nicht für etwas, für das ich nichts kann.“

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Mei Ling Chen wurde am 20. Januar 1997 zusammen mit ihrem Zwillingsbruder in Neubrandenburg geboren. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Malchin, direkt am Steintor in einem alten Fachwerkhaus. Unten im Haus haben die Eltern ein „typisch asiatisches Modegeschäft“, oben wohnt die Familie.

Chens Eltern kamen noch vor der Wende nach Deutschland. Ihre Mutter kam aus Nordvietnam als Arbeitskraft in die DDR. Ihr Vater floh mit dem Vorwand, seinen Bruder besuchen zu wollen, aus China und lebte zunächst im Saarland. Nach dem Mauerfall lernten sich die Eltern in Demmin, nicht weit entfernt von Malchin, kennen und verliebten sich.

Mei Ling Chen mag Malchin, vor allem das Ruhige und die Möglichkeit, schnell in der Natur zu sein. In einer Großstadt zu wohnen kann sie sich nicht vorstellen, außer vielleicht zum Studieren. Wenn Sie nach dem Studium in der Gegend Arbeit findet, würde sie am liebsten wieder zurückkommen.

Nur ein paar Dinge würde sie ändern wollen, wenn sie Bürgermeisterin von Malchin wäre: Ein Jugendzentrum, in dem man herumlaufen und machen kann, was man will, mehr Projekte für Jugendliche und die Umwelt, und insgesamt alles, was Malchin für Jugendliche attraktiver machen würde. In ihrem Fall eine größere ‚schwarze Szene’, mehr Mittelalterkonzerte, Aggrotech, Gothic und Steampunk Music. Nur in eine Schublade stecken lassen möchte sich Mei Ling Chen nicht: „Ich bin auch nicht so ganz ‚schwarze Szene’, weil ich mag auch Punk.“

Sehrin Sohrsh, 41 (Krankenschwester,  Malchin)

„Malchin hat mir Glück gebracht.“

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„Liebe ist Liebe“ sagt sie. Mit ihrem Mann ist Sehrin schon über zwanzig Jahre verheiratet. Ihre älteste Tochter ist gerade achtzehn Jahre geworden. Cassandra will etwas mit Sprachen studieren. Die 14-jährige Claudia würde gern Erzieherin werden. Rudi, ihr jüngster Sohn, ist leidenschaftlicher Fußballer. Ihre drei Kinder sind hier geboren. Sehrin und ihr Mann sind kurz nach der Hochzeit nach Malchin gezogen. Sie ist gelernte Krankenschwester

Sie schwärmt von den Festlichkeiten ihrer zweiten Heimat. Kindertag und Silvester. Sie erzählt von ihrer Vorfreude. Besonders Weihnachten findet sie schön; mit den Geschenken für ihre Kinder. Die Feiertage verbringt sie oft im Sozialwerk der Evangelischen- Freikirchlichen Gemeinde Malchin. „Es ist ein bisschen wie Familie“ sagt sie.

In ihrem Herkunftsland lebte sie in einem kleinen Dorf, ihre Familie gehört zur kurdischen Minderheit in Syrien. Deshalb verhinderte ein roter Stift, der sie als Kurdin stigmatisierte, ihren Schulabschluss. Ihre Familie ließ nicht zu, dass sie mit ihrem arabischen  Freund zusammen ist. Der einzige Ausweg in ein selbstbestimmtes und sicheres Leben: die gemeinsame Flucht.

Den ersten Monat in Deutschland verbringt Sehrin ohne Wechselkleidung in dem Flüchtlingsheim in Horst. Danach lebt sie neun Jahre im Flüchtlingsheim in Malchin. Am Anfang nur mit ihrem Mann in einem Zimmer, dann zusammen mit ihren drei kleinen Kindern. In den ersten drei Jahren konnte sie vor Angst nicht ohne Schlaftabletten ins Bett gehen, erzählt sie. Die anderen Männer aus dem Heim hatten ihr Angst gemacht.

 „Nach der Geburt habe ich alles vergessen, die Liebe kam wieder zurück. Mit dem Kinderwagen waren alle so nett zu mir.“

Als den schönsten Tag in Malchin, beschreibt sie die Einschulung ihrer Kinder; wie sie sich traditionell mit Kleid und Schleifen schick gemacht hätten. Malchin sei eine gute Stadt, betont Sehrin.

„So ruhig, ohne Probleme, keine Angst um die Kinder. Zwanzig Jahre – wie meine Stadt.“
Für die Zukunft wünscht sie sich, dass sie mit ihren Kindern hier in Malchin bleiben darf. Für ihre Kinder erhofft sie sich offizielle Papiere, eine geklärte Identität, eine gute Schulbildung. Sie möchte, dass ihre Kinder den Menschen  lieben dürfen, der gut zu ihnen passt. „Kinder sollen lieben dürfen.“

Ein Führerschein wird dringend benötigt. „Ist manchmal peinlich, ich kann die Kinder nicht fahren, immer fragen wer hat Platz?“ Doch die gesetzlichen und behördlichen Regelungen legen ihr Steine in den Weg. Zuerst hatte Sehrin als Geduldete kein Anrecht auf einen Führerschein und einen Sprachkurs, nun ist Arabisch nicht mehr bei der Führerscheinprüfung anerkannt und Deutsch fällt ihr immer noch schwer. Bisher durfte sie auch nicht arbeiten, ihre Krankenschwesterausbildung wird nicht anerkannt. Nach 20 Jahren darf sie jetzt bald ein Praktikum machen.

Reinhard Peters, 58 (Schlosser, Neukalen)

„Ich arbeite beim Bundes­freiwilligendienst in den Grünanlagen – seit einem Jahr. Dann hab ich noch ein halbes Jahr Verlängerung gekriegt. Dies ist nun die letzte Woche… Ich würd’ hier sofort weiterarbeiten, wenn ich die Gelegenheit dazu bekäme.“

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Reinhard Peters wurde in Neukalen geboren. Er machte eine Ausbildung als Schlosser und arbeitete nach seiner Armeezeit in einer nahegelegenen LPG. Die kleine Stadt Neukalen am Rande der Mecklenburgischen Schweiz wird durch den Peene-Kanal und das nahe gelegene Niedermoor geprägt.

Nach der Wende wurde Peters in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb angestellt und arbeitete dort, wie er sagt, „als Mädchen für alles“. Als der Betriebsinhaber starb, erhielt er zwar noch ein anderes Angebot als Vorarbeiter in einem Tierbetrieb, doch die Arbeit habe ihm nicht gelegen.

Deshalb nahm er Ende der neunziger Jahre an einer Umschulungsmaßnahme zum Maurer teil. In den Folgejahren gab es für Maurer viel Arbeit. Reinhard Peters litt jedoch zunehmend an Rückenproblemen, die er sich in seiner Zeit als Landwirtschaftsschlosser beim Instandsetzen der schweren Ketten der Rübenernte-Maschinen zugezogen hatte. Wieder musste er seinen Job aufgeben.

Zurzeit arbeitet er beim Bundesfreiwilligendienst und pflegt den Spielplatz und den Park von Neukalen: „Die Arbeit belastet meinen Rücken nicht so schwer und die Schmerzen sind auszuhalten,“ sagt er. Er findet es schade, dass dieser sinnvolle Job bereits im September 2014 ausläuft. Anderthalb Jahre darf er für den Bundesfreiwilligendienst arbeiten, Verlängerung ist ausgeschlossen.

Seine Freizeit verbringt Peters mit seiner Frau in ihrer Laube nahe den Neukalener Wiesen. Der Wandel der Landschaft sei für ihn vor allem durch den Anstieg von Mücken und Bremsen zu spüren, die viel zahlreicher sind als in den vorangegangenen Jahren. Es sind neue Nachbarn aus dem Niedermoor. Das benachbarte Moor und die Feuchtwiesen waren früher trockengelegt und dienten als Weideland für Vieh. Im Zuge von Renaturierungs-Initiativen wird ihnen wieder Wasser zugeführt, unter anderem damit das CO2, das in ihnen verschlossen ist, nicht weiter in die Atmosphäre tritt. Mit diesen Nachbarn müssen die Peters nun wohl leben.

Wilhelm Karge, 63 (Landwirt, Schlakendorf)

„Früher gab es Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Heutzutage kann man sich auf nichts mehr verlassen. Ich sag’ Euch, in zehn Jahren steht hier keine Kuh mehr auf der Weide.“

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Im letzten Zipfel von Schlakendorf, einem Dörfchen am Rand er Mecklenburgischen Schweiz, in dem alle Straßen den gleichen Namen tragen, steht das Haus von Wilhelm Karges Familie. Karge ist Landwirt. Zu DDR-Zeiten arbeitete er in der Landwirtschaftlichen Produktions­genossenschaft, die Getreide und Tiere in alle osteuropäischen Länder, insbesondere Russland, lieferte.

Nach der Wende machte er sich hier mit einem landwirtschaftlichen Betrieb selbstständig. Karge betreibt auf seinen 240 ha gepachtetem Grünland eine Mutterkuhhaltung mit über 100 Tieren. Im Gegensatz zur agroindustriellen Fleischproduktion wachsen die Kälber hier bis zu zehn Monate im Freien bei ihren Müttern auf und werden anschließend zum Ort der weiteren Nutzung transportiert.

Die wenigsten der ehemaligen LPG-Mitarbeiter konnten jedoch wie Karge nach der Wende in der Landwirtschaft bleiben. Nachdem die LPGs aufgelöst und in private Agrarbetriebe umgewandelt wurden, verlor ein Großteil der Menschen ihre Jobs.

Wilhelm Karge wollte nach der Wende einen Familienbetrieb gründen, eine Familie kann jedoch heutzutage kaum von den Erträgen leben. Da die Kinder wahrscheinlich nicht den Hof weiterführen werden, rechnet er damit, dass die Weiden und Wiesen bald nicht mehr bewirtschaftet werden. Zumal das Wetter immer unberechenbarer wird. In den letzten Jahren wurde das Peenetal oft überflutet. Seine Kühe standen knietief im Wasser.

Karge ist voller Fragen. Viele Entwicklungen in der Region sind für ihn nur noch absurd. Noch immer werden große Landflächen von Investoren aufgekauft und an die Landwirte verpachtet. Die Konzerne, die dahinter stecken, sind teilweise alles andere als naheliegend: „Fielmann hat hier viel Land gekauft. Fielmann! Wisst ihr, was die herstellen? Genau, Brillen. Die verpachten jetzt!“ Auch die Produktionswege scheinen ihm fragwürdig. Statt die Tiere zu dem Schlachthof ein paar Dörfer weiter zu bringen, muss er sie hunderte von Kilometern nach Sachsen-Anhalt liefern.

Bernd Kleist, 56 (Dorfaktivist & Ladenbesitzer, Gessin)

„In Gessin leben wir Soli­da­rität. Für Besucher gibt es freie Stellplätze für Wohnmobile. Wir bieten den Leuten auch an, die Toiletten und Waschgelegenheiten im Mittelhof zu nutzen. Das spüren die Touristen. So werden Gäste und Urlauber zu Nachbarn auf Zeit“.

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Das Dorf Gessin liegt im Landkreis Demmin, einer Region mit extrem hoher Abwanderungsquote. Seit 1991 fiel hier jeder dritte Arbeitsplatz weg. 17 Prozent  der Bewohner im erwerbsfähigen Alter leben von finanzieller Hilfe – ein deutscher Rekord. Als Bernd Kleist bei einer Informationsveranstaltung des Landes zu demografischem Wandel von seinem Sitznachbar hörte, „Bernd, weißt Du wie es ist, jeden Tag aus der Dose zu fressen?“ war klar, es musste sich etwas ändern.

Der ehemalige Lehrer und Verwaltungsangestellte gründete gemeinsam mit seinen Dorfnachbarn den Verein Mittelhof Gessin e.V., baute ein altes Gebäude seines Anwesens zu einem CO2-neutralen Dorfhaus um und brachte ‚Leben in die Bude’. Vom Männerabend, über die Gründung einer eigenen Schule, bis hin zum gemeinsamen Mittagstisch, Konzerten, Mal-, Computer-, Keramik- und Filmaktivitäten – die Bewohner krempelten ihr Dorf um. Heute kommen viele Besucher, um zu lernen, wie sie es gemacht haben. Auch moderne Initiativen mit technischem und touristischem Weitblick tragen dazu bei: Gessin hat die einzige E-Tankstelle der Region.

Im September 2013 startete das neueste Projekt von Kleist und seiner Frau Maria, die Gründung eines Naturkostladens in ihrem Mittelhof. Dort schenkt Kleist nun Kaffee aus und schnackt mit bekannten und unbekannten Gesichtern. Gegenüber des Ladens befindet sich die liebevoll renovierte Dorfkapelle: „Maria und ich haben dort geheiratet – das war wahrscheinlich die erste Hochzeit seit 100 Jahren. Früher gab’s hier nur Beerdigungen.“

Gessin ist ein „Bauerndorf“ mit 70 Bewohnern (davon 15 Kinder). „Keiner will aus dem Dorf weg,“ sagt Bernd Kleist. Und trotzdem ist klar, das Dorf wird älter. Statt dem Altern hilflos zuzusehen, haben sich die Bewohner jedoch bewusst dafür entschieden „gemeinsam kulturvoll zu altern.“ Dazu gehört, sich schon jetzt gut kennenzulernen, Kultur ins Dorf zu holen und gemeinsam Lebensräume und Transportnetzwerke zu schaffen, auf die man im Alter vertrauen kann.

Auf die Frage, was das Dorf in Zukunft braucht, antwortet Kleist: „Noch mehr Nachhaltigkeit und weitere Entwicklungen. Unser Dorf hat Lust auf Wandel.“

Kathrin Wetzel, 46 (Bildhauerin, Gessin)

„Nach der Wende war alles möglich. Die Verwandt­schaft hat es damals in den Westen gezogen. Ich habe nie weggewollt. Ich liebe die Landschaft. Sie hat mich geprägt.”

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Die Skulptur “Die Wartende” steht auf einem Sockel im Garten vor dem Atelier von Kathrin Wetzel. Ein genauer Blick auf die Hände offenbart eine starke Körperspannung. Im nächsten Augenblick könnte sich die Figur drehen. Oder direkt aus dem Stand losschreiten – als wäre der Moment festgehalten, in dem die Entscheidung für eine Bewegung getroffen wird.

Die gebürtige Gielowerin lebt mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern in Gessin, einem Ortsteil von Basedow. Wetzel nennt sich selbst die ‚ewig Suchende’, sie erkundet immer wieder neue Pfade. Über die Jahre arbeitete sie als Bauzeichnerin, psychologische Beraterin und Kinderbetreuerin. Alle Erfahrungen kamen ihr zugute, erinnert sie sich. Ihrer Meinung nach lernte sie dadurch Menschen wirklich zu ‚erkennen’.  Vor zwei Jahren machte sie sich dann als Bildhauerin selbstständig.

Das Studium absolvierte Wetzel an der Rostocker Technischen Kunstschule. Ihre Tage waren lang. Nachdem sie die Jüngsten zur Kita und zur Schule brachte, fuhr sie die 80 km zur Kunstschule. Um 9 Uhr startete ihr Unterricht, um 15 Uhr endete er. Im Gespräch erinnert sie sich, wie tief zufrieden sie immer nach Hause gekommen sei: “Das ist ein ganz altes Handwerk, das ich hier umsetze.“ Auch für ihre Kinder sei es eine Bereicherung, dass sie Bildhauerei studiert habe. Ironisch sprechen sie von einer ‚Atelierisierung’ des Hauses.

Wetzels Mann Bernd und dessen Eltern, die gemeinsam auf dem Hof leben, sind Landwirte. Es schmerzt sie zu sehen, wie viele Lebensmittel in Deutschland täglich im Müll landen: „Ich habe zu Bernd gesagt, warum stehst du morgens überhaupt noch auf, wenn 10 Prozent unserer Lebensmittel weggeschmissen werden?“

Gessin ist ein Dorf, in dem Bürger seit etlichen Jahren ihre Dorfgemeinschaft aktiv (um)gestalten – für sich, für ihre Kinder, für die Alten. Wetzels Wurzeln in der Mecklenburgischen Schweiz sind sehr stark. Nur ein einziges Mal habe sie ernsthaft darüber nachgedacht wegzuziehen – aus Angst, ihre Kinder nicht vor rechtsradikalen Übergriffen schützen zu können: „Die sind eben geradeheraus, nehmen kein Blatt vor den Mund.“

Herr Scherer über Bildung und Kultur (Schuldirektor, Malchin)

Interview mit Herrn Scherer, dem Schuldirektor vom  Fritz-Greve-Gymnasium: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Bildung uns Kultur für die Zukunft von Malchin?

 [August 2015, gekürzt und zum Teil modifiziert]

Über die Stadt Malchin und seine Bevölkerung

Stadttor von Malchin

Stadttor von Malchin

Ich selbst lebe nicht in Malchin, wie auch viele Lehrer des Hauses keine Malchiner sind. Gleichwohl bin ich hier seit 10 Jahren mit dem Herzen in der Schule und habe auch Vorstellungen, die die Kommune hier betreffen und die Entwicklung dieser kleinen Stadt.

Dass so viele von Lehrkörper nicht hier wohnen, hängt auch damit zusammen, dass man in diesem Ort Malchin, nicht gut leben kann. Das geistig kulturelle Milieu, der geistig kulturelle Hintergrund in so einer kleinen Stadt wie in Malchin, ist für mich persönlich zum Leben nicht gut geeignet.

Malchin, ist ein Ort dessen Bevölkerung seit der Wende mehr als halbiert ist. Es gibt kaum Industrie, es gibt im Vergleich zu anderen Regionen  noch relativ viele industrielle Betriebe, aber im Vergleich zu früher ist das extrem zurückgegangen. Die sozial-demographische Struktur ist richtig schwierig geworden. Nicht nur die Altersstruktur, sondern auch Sozialgeographie, die da durchschlägt. Wir merken das auch hier in der Schule, ähm, mehr als die Hälfte unserer Schüler kommt nicht aus Malchin.

Mit dem Wegfall staatlicher Einrichtungen in Malchin, mit dem Wegfall kultureller Einrichtungen, ist eben dieser Aderlass diesbezüglich kräftig voran geschritten. Malchin war früher mal eine Kreisstadt. Es gibt mittlerweile – es gibt Gott sei Dank – noch ein Krankenhaus (Außenstelle des Klinikums von Neubrandenburg). Es gibt Gott sei Dank noch sehr viele verschiedene Schulen am Ort, das ist durchaus nicht typisch. Es gibt  vergleichbare Orte in Mecklenburg-Vorpommern, die haben bestenfalls noch eine kleine Grundschule. Und wir haben hier von Gymnasium bis zu Förderschulen und Berufsschulen immer noch das ganze Spektrum. Das ist schon bemerkenswert. Aber das war’s dann. Und damit verbunden ist, damit einher geht ein gewisser Aderlass einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.

Kultur auf dem Land, Brache in der Stadt

Gessin

Gessin

Es ist in vielen Zusammenhängen zu erkennen, dass der Anteil der wirklich gut qualifizierten, kultivierten Leute zunehmend abnimmt. Die, sagen wir mal, Eliten der Stadtverwaltung usw. leben alle nicht in Malchin. Die leben in Dörfer hier drum herum, in einer wunderschönen Gegend und bereichern in ihren Dörfern das kulturelle Leben. Es ist hoch beeindruckend was in Dörfern wie z. B. Gessin passiert. Nur davon bekommt die Stadt Malchin nichts ab! In Malchin sind – zugespitzt formuliert -die geblieben, die diese Möglichkeit nicht hatten. Diese sozialen Verwerfungen der letzten 20 Jahre merkt man.

Was die Zukunft, die nahe Zukunft, von Malchin und sehr vieler anderer Mecklenburgischer Kleinstädte betrifft, da gibt es von vielen Experten zahlreiche Prognosen. Der einzige Weg, diesen Gemeinden wieder Leben einzuhauchen, geht meiner Ansicht nach nur über Kultur. Dann bekommt man vielleicht die Menschen hierher, die man haben möchte. Auch wenn das arbeitsmäßig und vom wirtschaftlichen Hintergrund natürlich keine Konkurrenz aufbauen kann zu Hamburg oder zu solchen Kernen, Berlin, oder wie auch immer. Vielleicht muss man auch abwarten, bis in diesen großen Zentren diese Systeme kollabieren. Bis alle erkennen, dass man auch auf dem flachen Land gut leben kann. Das zu einem guten Leben auch mehr gehört, als nur mehr Geld zu verdienen.

Vielleicht wird das auch so sein, dass in 50 oder 60 Jahren einige Orte nicht mehr existieren werden. Oder sie existieren, sind aber von der öffentlichen Versorgung getrennt. Es wir auf lange Sicht  nicht möglich sein, jedem kleinen Ort infrastrukturell Leben einzuhauchen, das wird einfach finanziell nicht machbar sein.

Tourismus als Lösung aller Probleme?

Na, ich denke es gibt in Deutschland so viele Regionen die touristisch interessant sin, nicht nur Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt sehr viele Regionen! Es ist ein riesiger Fehler, wenn man aus wirtschaftspolitischer Sicht allein auf Tourismus setzt. Man muss auch sehen, was der Tourismus mit der Gegend macht, nicht nur ökologisch. Besonders, wenn es in Massentourismus ausartet. Z. B. an der Ostseeküste, da will man sich nicht mehr aufhalten im Sommer, weile es Wirklich unerträglich ist!

Die große Landflucht

Landidylle |Landflucht

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Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Zahl der Menschen die diese spezielle Art zu leben mögen, in naher Zukunft zunehmen wird. Ich denke von staatlicher, zentraler Stelle aus sind diese Dinge, die wir gerade haben (Klimawandel, Migration…) mit dem Kapitalismus nicht zu lösen. – Der Kapitalismus kann aus sich selbst heraus die anstehenden Probleme nicht lösen. – Es wird eine Bewegung stattfinden, die Leute werden wieder aufs Land gehen, besonders die Leute mit Kindern.

Mitwirken erlaubt und keinen interessierts

Es gibt Regeln, gesetzliche Regeln die also vorschreiben, die wir als Schule mit den Eltern zu arbeiten haben. Das ist das Formale und das passiert auch. Es gelingt uns bestenfalls punktuelle, über diesen Rahmen hinaus die Eltern mit einzubeziehen. Die Schule ist eine staatlich Einrichtung, die Lehrer sind Amtsträger, der Schulleiter ist ein Amtsträger und wird auch per se beargwöhnt.

bored-16811_1280Es ist in Deutschland, lange lange vorbei, das Kinder es als Errungenschaft, als Glück wahrnehmen, dass sie zur Schulen gehen können. Also, Gott sei Dank nicht von allen, aber von vielen wird Schule als notwendiges Übel, als notwendige Pflichtaufgabe angesehen. So ganz pragmatisch. Man muss seinen Schulabschluss machen, um später einen Job zu bekommen.

Für Eltern ist ein Lehrer gut, wenn das eigene Kind den Lehrer mag. Für Eltern ist eine Schule gut, wo das Kind gerne hingeht und wo es gute Noten hat. Das schließt natürlich ein, das man in Einzelfällen auch sehr nett und freundlich miteinander umgeht. Das ist der Vorteil einer ländlichen Region. Ich wünschte mir schon, dass sich auch Eltern von älteren Schülern mehr interessierten. Sie sollen ja nicht mitmachen, das ist unser Job, aber dass sie sich interessieren.

Es gibt leider, leider recht viele Eltern, die gefühlt der Meinung sind, dass für die Erziehung der Schüler ausschließlich die Schule zuständig ist. Und es gibt Lehrer die die gegensätzliche Meinung vertreten. Die sagen, sie bringen nur Wissen ein.

Ein Beispiel, wir haben hier bei uns in der Schule ein rigoroses Handyverbot. Während des Schultages darf keiner ein Handy benutzen. Im Wesentlichen bekommen wir das durchgesetzt. Es gibt viele Eltern, die uns auf die Schultern klopfen uns sagen, gut, haltet das durch. Aber zuhause am Esstisch bekommen sie das nicht durchgesetzt.

Schule als Leuchtturm für Kultur und Bildung

Ja und wir als Schule, als Gymnasium versuchen ein kleine kultureller Leuchtturm zu sein. Nicht aus profilneurotischer Sicht, sondern weil das für die Kinder wichtig ist. Das ist ein Grund mit, warum wir hier in der Schule einen sehr hohen Aufwand betreiben, besonders im musischen Bereich sehr viel Anregungen zu geben für unsere Schüler. Konzerte, und Kulturveranstaltungen und solche Dinge.

Kulturnacht in Malchin am Fritz-Greve-Gymnasium | gymnasium-malchin.de

Kulturnacht in Malchin am Fritz-Greve-Gymnasium | gymnasium-malchin.de

Das größte Projekt hier in unserer Schule findet bald zum 10. Mal statt – die Kultur-Nacht. Alle Schulen der Stadt, auch Privatschulen aus der Umgebung und die Musikschule machen mit – vom Förderschüler bis zum Musikschüler der bei „Jugend Musiziert“ Preisträger ist. Jeder kann kommen und zuschauen.

Wir haben verschiedene Gruppen, z. B. einen Chor.  Alle unsere Schüler werden „gezwungen“ auch mal ein klassisches Konzert zu besuchen. Aber wir gehen auch zu moderneren Veranstaltungen: Musicals in Hamburg, Jazz in Rostock. Von er Geographie liegt Malchin so günstig dass man Berlin Hamburg und Rostock relativ schnell erreichen kann. Wir versuchen das zu streuen. Einige nehmen das an, und interessieren sich. Unsere Schüler gestalten auch kleinere Programme mit dem Bibliotheksverein und mit der Musikschule zusammen.