Neue Lernkulturen

Im letzten Teil der Vortragsreihe „Zukunftsstadt Malchin“ sprach Dr. Joachim Borner am 17. März 2016 in der Kirche St. Johannis über die „’Digitale‘ Bildungslandschaft Malchin“

Eingangs stellte Joachim Borner zwei Zugänge zum Thema Bildungslandschaft vor, wie sie vom KMGNE vertreten werden.

  1. Wie ist lebenslanges Lernen zu verstehen?
    Dieser Zugang fließt in Qualifizierungsmaßnahmen für Bildungsberater ein.
  2. Was bedeuten Bildungsinhalte in der Zukunft, wenn wir Umbrüche bestehen wollen?
    Mit unserem pädagogischen Wissen und unserer pädagogischen Erfahrung müssen wir herausfinden, welche Kompetenzen wir dafür brauchen.

Was macht Bildung so wichtig, auch mit Blick auf Malchin?

Eine gebildete Gesellschaft ist resilienzfähig.
Wenn wir wissen, wie wir mit Wissen und Information umzugehen haben,
können wir die Zukunft gestalten.

Für die Zukunft Malchins hinsichtlich der demografischen Entwicklung gibt es zwei prognostizierte Zukunftsszenarien:

  • Malchin entvölkert sich
  • Es kommt zu einer Zuwanderung von Menschen aus dem Westen, die im Osten Arbeit sucht, findet oder mitbringen.

Da Prognosen keine Fakten liefern können, weil sie nicht alle Einflussfaktoren berücksichtigen können, ist es möglich, dass die Zukunft auch anders verläuft. Entsprechend können wir die Frage stellen, was die Rahmenbedingungen dafür sind, weshalb jemand nach Malchin kommen könnte.

  1. Bildungs- und Lernmöglichkeiten
  2. Wissensinfrastruktur, Wissensträger (z.B. Universitäten)
  3. Regionale Infrastruktur fürs Internet, also Breitbandsystem
  4. Bezahlbarer Wohnraum

Wenn wir die Zukunft gestalten können, stellt sich die Frage, wie wir ein Zukunftsbild hinkriegen, das nicht nur Träumerei ist.

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Hierfür gibt es zwei Zugänge:

1. Wir können von wahrscheinlichen Trends ausgehen
Ein solcher Trend ist, dass es wichtiger wird, wie viel die Lernenden von dem was sie gelernt haben, können. Es wird immer weniger eine Rolle spielen, wie viel sie wissen. Es wird mehr darum gehen, wie er lebensweltliche oder berufliche Prozesse bewältigen kann.
Wir können danach fragen, was ein guter Grund ist, in der Zukunft eine bestimmte Lernsituation zu haben. Ein guter Grund ist z.B: eine lokale Bildungslandschaft. Von Kompetenzen her gedacht, macht es Sinn, die verschiedenen Lernorte in einer Region, in einer Kommune zu vernetzen. So kann der einzelne Lerner sein Setting entwickeln, in dem er gut lernen kann.
Es gibt auch unwahrscheinliche Situationen (siehe hierzu Schwarzer Schwan), die dennoch eintreten können. Das Bildungssystem kann kollabieren, implodieren. Es kann sein, dass in 20-30 Jahren Bildungsinstitutionen wie Schule, Hochschule, Beruf nicht mehr brauchen.

Es ist wesentlich, dass wir in einer Zeit leben und Zeiten auf uns zukommen, die als Umbrüche bezeichnet werden können. Umbrüche unterscheiden sich von langsamen Entwicklungen, die wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten. Heute stellt sich die Frage, wie wir kompetent sind, als einzelne und in der Gruppe und auch in der Stadt. Wir können festhalten:

Die Art, wie wir lernen, verändert sich.

Wir haben ganz unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt, eigene Deutungsmuster. Die bisherige Bildung war darauf nicht eingestellt, sie gab Standards, Normen vor. Sie erreicht nicht den einzelnen, mit der Zukunft umzugehen.

2. Was kann ich nach dem Lernen?
In Umbruchsituationen haben wir immer wieder neue Situationen. Was man einmal gelernt hat, ist nach wenigen Jahren nicht mehr passend. Als Individuum brauche ich also Lernsituationen, in denen ich entscheide, was ich lernen muss. Das bedeutet, dass selbstbestimmte und selbstorganisiertes Lernen zunimmt.

An dieser Stelle lieferte Joachim Borner einen schönen kleinen Exkurs in ein etymologisches Bildungsdenken, indem er auf den deutschen Begriff der ‚Lehranstalt‘ zu sprechen kam. Lehren, Lernen und Bildung war früher mit der Armee gekoppelt, es waren Schulen fürs Leben, wie das Militär streng und ernsthaft. Bildung funktionierte über Vorbilder. Die oberen Schichten waren angehalten, als Vorbild zu dienen (man könnte sagen, wieder mit militärischer Konnotation, auch für das Land zu ‚dienen‘).

Zur deutschen Bildungstradition gehört auch das Humboldtsche Bildungsideal, das eine Vervollkommnung unserer Persönlichkeit als autonomes Individuum verfolgte. Ein Begriff der damit eng zusammenhängt, das sei hinzugefügt, ist der des Weltbürgertums. Humboldts Ideal sah vor, dass sich die Individuen zu Weltbürgern entwickeln. Daran zu erinnern, erscheint mir in Zeiten der Globalisierung sinnvoll.

Kultur des Teilens

Für Umbruchszeiten, die wir schon haben und die auf uns noch zukommen gibt es keine Handbücher, wie wir damit umgehen können. Wir müssen das autodidaktisch entwickeln. Wir sind die Wissenssucher. Dazu braucht man eine neue Fähigkeit. Was können wir bisher? Aus der Vergangenheit unsere Erfahrungen zu reproduzieren. Das ist weiterhin wichtig. Wenn wir Prozesse der Individualisierung haben, wenn ich damit umgehen lernen will, dann hilft mir die Erfahrung aus der Vergangenheit nicht viel. Diese Situationen sind nicht mehr da.

Dies kann mit aktuellen Tendenzen hinsichtlich der Berufswahloptionen von Jugendlichen in Verbindung gebracht werden. Denn es heißt ja so oft, dass Jugendliche heute so viele Möglichkeiten haben. Das ist aber alles andere als eine unproblematische Situation. Jugendliche nehmen das auch als Belastung wahr. Warum? Weil sich für einen Weg zu entscheiden, bedeutet, sich gegen alle anderen Möglichkeiten zu entscheiden. Das ist ein großer Druck. Es stellt sich also die Frage, wie ich als Jugendlicher lerne, all die Wahlmöglichkeiten nicht als Belastung und als Bedrohung wahrnehmen.

Für diese neue Lernkultur brauchen wir passende Organisationsstrukturen. Wir brauchen eine Koordinierung, die die verschiedenen Lern- und Bildungsangebote transparent macht. Vielleicht stellt das Digitale hier Möglichkeiten bereit, die wir bisher nicht hatten und die wir nutzen können.

Joachim Borner unterscheidet zwei Ebenen des Digitalen im Lernen:
1. Wir bekommen einen ganz neuen Bildungsauftrag, quasi eine zweite Aufklärung.
Wir müssen erklären, wie die digitale Welt funktioniert und wirkt. Internet u.a. sind keine Additionen zum bisherigen, es handelt sich vielmehr um einen qualitativen Umbruch unseres ganzen Kommunikations- und Dokumentationssystems. Also auch hier haben wir einen Umbruch. Dazu gehört auch die Sorge vor den Machtstrukturen von Google, Facebook. Doch diese Sorge sollte nicht zur Ignoranz führen. Wenn ich Facebook nicht nutze, dann werden es die anderen machen (die anderen als etwa diejenigen, die wir nicht als die Mächtigen zulassen wollen). Wir können das Internet, die Plattformen des Web 2.0 als Herausforderung sehen. Wir können sagen: „Lasst uns mündig werden.“ Dazu gehört etwa auch eine Charta der digitalen Rechte.

 

2. Wie kann ich diese digitalen Medien für Lernprozesse nutzen?
Eine Möglichkeit ist etwa das Wiki im didaktischen, methodischen und inhaltlichen Sinne.
Wir können Lernorte im Internet installieren und diese gibt es ja auch bereits etwa in Form von virtuellen Universitäten, die aber nicht gänzlich virtuell sind, sondern auch Präsenzphasen aufweisen. Das Digitale, ganz wichtig, löst nicht die physische Präsenzsituation des Lernens ab.

Als ortsbezogenes Beispiel kam Joachim Borner auf das Berufsschulzentrum Malchin zu sprechen und wie die Zukunft dieses Zentrums gestaltet werden könnte. Ob man sich vorstellen kann, dass dieses Zentrum sich zu einem Bildungscampus wandelt. Wo es polytechnische, kreative Lernangebote gibt. Eine Öffnung zu freiem Probieren und Experimentieren stattfindet. Etwa Probieren, wo ich am sinnvollsten lerne, wenn ich in diesen Umbrüchen bin. Zweifellos: Lernen in praktischen Prozessen wird in der Zukunft zunehmen.

Welche Themen könnten in einem solchen Bildungscampus behandelt werden, die mit lokalen Umbrüchen zu tun haben? „Wie gehen wir mit der Moornutzung um?“, könnte eine Frage des Bildungscampus um. Oder: Lässt sich eine Generationen- oder Seniorenakademie umsetzen?
Lässt sich eine virtuelle Universität ansiedeln? Über Kooperationen zwischen verschiedenen Bildungsträgern usw. lassen sich solche Lernangebote für einzelne Regionen durchaus entwickeln.

Abschließend wieß Joachim Borner noch darauf hin, wie wir diese neuen Kompetenzen bewerten und bilanzieren können. In einigen europäischen Ländern existiert so etwas bereit (z.B. in Frankreich). 2017 wird in Deutschland ein System von Agenturen geschaffen werden, die diese Validierung übernehmen.

In der Diskussion ging es darum, wie Bildung gestaltet werden kann, wenn es doch stets zu Interessenskonflikten zwischen einer anspruchsvollen Bildungspolitik und einer fragwürdigen Wirtschaftspolitik kommt. Auf parteipolitischer Ebene spielen noch weitere Probleme eine Rolle, meinte Joachim Borner. So sei es wesentlich für Parteipolitiker, strategisch vorzugehen, weil die Umsetzung ihres politischen Programms innerhalb von Legislaturperioden und zwischen Wahlkämpfen stattfinden muss. Und so komme es dazu, dass ein Großteil von Fragen und Themen in der Gesellschaft – also auch Fragen des Bildungssystems – die wir eigentlich bewältigen müssen, nicht angegriffen werden.

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