Waldaktien und Streuobstgenussschein

Im Vortrag am 10. März ging es in der St. Johannis-Kirche, wie es Dr. Joachim Borner einleitend nahelegte, um konkrete Umsetzungen der SDGs und der planetarischen Leitplanken. Dr. Thorsten Permien vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern stellte einen Ansatz vor, wie die Natur im Sinne von Ökosystemleistungen funktionalisiert werden kann und lieferte Antworten auf die titelgebende Frage „Was liefert die Natur?“

Im Zentrum der Idee, die Natur im Kontext von Systemleistungen oder auch Systemdienstleistungen zu sehen, steht das Problem, dass die Natur aus einer konventionell ökonomischen (und die Welt in vieler Hinsicht bestimmenden) Perspektive keinen Wert besitzt. Und Dingen, die keinen Wert besitzen, wird gemeinhin auch keine wesentliche gesellschaftliche Funktion beigemessen. Das macht, und da möchte sich der Autor dieses Textes gerne zu Wort melden, einen Vergleich mit der Welt der Kunst interessant. Denn auch die Kunst hat keinen messbaren gesellschaftlichen Wert und deshalb werden hier Subventionen gerne zuerst gekürzt.

DSC_0781

Zunächst stellte Dr. Thorsten Permien vier Kategorien der Ökosystemleistungen vor, also vier Bereiche, aus denen die Natur etwas „liefern kann“.

  • Versorgungsleistungen (Landwirtschaft, Arznei etc.)
  • Regulierungsleistungen(Schadstofffilterung etc.)
  • kulturelle Leistung (Erholungswert, Bildungswert etc.)
  • unterstützende Leistung (Photosynthese etc.)

Den Ertrag der Natur als Ökosystemleistungen zu denken und in die Praxis umzusetzen, impliziert die Verwendung von Begriffen, die aus der Ökonomie – oder noch genauer aus der Börsensprache – kommen. Entsprechend ist von ökologischen Wertpapieren die Rede. Es gibt bisher drei Modelle, die auch schon erprobt wurden.

  • Die Waldaktie
    mit dem Leitmarkt: Klimaschutz
    und den
    Co-Märkten: Biodiversität, Wasser, Kommunikation
  • die Moor-Futures
    mit dem Leitmarkt Klimaschutz
    und den
    Co-Märkten: Biodiversität, Wasser, Kommunikation
  • der Streuobstgenussschein
    mit dem „Leitmarkt“ Biodiversität
    und den
    Co-Märkten: Ernteprodukte und Kommunikation
    (Leitmarkt wurde hier in Anführungszeichen gesetzt, weil Biodiversität keine Ökosystemleistung ist, aber die Voraussetzung zum Erbringen von Ökosystemleistungen).

Die Ökosystemleistungen zielen darauf ab, eine Entlohnung der Gesellschaft durch die Ökosystemleistungen, die die ländlichen Räume erzeugen, zu ermöglichen.

Was ist bei den drei Modellen bisher passiert?

DSC_0782

Die Waldaktie (seit 2006)

Permien führte als Beispiel die bereits durchgeführte Berechnung des Fußabdrucks des Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern an. Dabei wird von einer vierköpfigen Familie ausgegangen, die in Mecklenburg-Vorpommern Urlaub macht. Zu den CO2-relevanten Betätigungen zählen etwa die An- und Abreise sowie diverse Ferienaktivitäten. Auf der Grundlage dieser Betätigungen kann berechnet werden, wie viel wieder aufgeforstet werden muss, um die CO2 Menge wieder festzulegen. So kann ermitteln werden, wann es sich um einen „klimaneutralen“ Urlaub handelt.

Wieder in der Börsensprache ausgedrückt, erhält an den sogenannten Ökologischen Return und Investment.

Danach lässt sich sagen, dass 1 ha Klimawald 900 Tonnen CO2 Äquivalente bindet. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass jede zusätzliche Tonne CO2 in der Atmosphäre Schäden in Höhe von 80 Euro verursacht. Das führt zu der Berechnung, dass 1 ha Klimawald gesellschaftliche Leistungen in Höhe von 70.000 Euro bei einem Kapitaleinsatz von 20.000 Euro (Kosten Aufforstung)erbringt.

Die Waldaktie war der Impulsgeber für die Idee der Ökosystemleistung. Hier wird der Klimaschutz besonders deutlich erkennbar und die Vermittlung findet über Expertenkreise hinaus statt. Außerdem erzeugen Klimawälder Stammkunden (so wollen etwa Kinder wissen, was der Klimawald macht)

Die Waldaktie ist mehrfach ausgezeichnet worden, es wurden aber auch schmerzhafte Erfahrungen bezüglich Markenschutz damit gemacht. Es gab bundesweit Waldaktien, was an sich nicht schlecht ist, aber die dann zum Problem werden, wenn sie nicht gewisse Standards widerspiegeln.

In einem weiteren Programm mit der Waldaktie wurden neue Horizonte erschlossen. So wurde die Waldaktie der Savanne (Togo) eingeführt, die hauptsächlich das Zeil verfolgt, Bäume überhaupt erst wieder zu pflanzen, um somit den Lebensraum für Bienen aufrecht zu erhalten.

Die MoorFutures (seit 2011)

Die Erfahrungen mit der Waldaktie wurden auf die Moore in Mecklenburg-Vorpommern übertragen. Es gibt ca. 300.000 ha Moore in der Region, was 13 % der Landfläche entspricht. Darin enthalten sind 450.000.000 Tonnen Kohlenstoff, was mehr als 1 Mrd. Tonnen CO2 entspricht.

Um ein Produkt im Sinne der Ökosystemleistung zu entwickeln, hat man zwei Möglichkeiten, die die Voraussetzung zur weiteren Vorgehensweise darstellen. Zum einen können Messungen durch geführt werden, was sehr aufwändig ist, zum anderen ist es möglich, auf Ansätze zurückzugreifen, die seriöse Schätzungen entwickelt haben. Ein solcher Ansatz ist das GEST-Modell der Universität Greifswald. Aus den Erfahrungen mit der Waldaktie wurde vor allem gelernt, die Marke zu schützen. Es wurde genau festgelegt, was man mit unter dem Label „MoorFutures“ machen kann und was nicht.

DSC_0796

Auch MoorFutures wurde mehrfach ausgezeichnet, auch hinsichtlich der Biodiversität. In anderen Ländern wie Großbritannien wird mit einem ähnlichen Modell gearbeitet und die Niederlande hat die Marke MoorFutures komplett übernommen.

Streuobstgenussschein

Auch hier wurde wieder auf die Markensicherung geachtet. Die Marke sieht vor, dass man einen Gutschein zu 10 Euro für den einjährigen Pflegeschnitt eines Baumes erhält und zehn Gutscheine für die Neupflanzung eines Baumes. Mit dem Streuobstgenussschein lässt sich der Verlust der Artenvielfalt verhindern, denn Streuobstwiesen gelten als die artenreichsten Biotope Europas. Tatsächlich gehen die Kosten, die der Verlust der Artenvielfalt verursacht, in die Milliarden.

Zwei zentrale Ziele haben die Streuobstgenussscheine, ein ökologisches, das im Erhalt der Biodiversität besteht, und ein betriebswirtschaftliches, nämlich Überschüsse durch den Betrieb einer Streuobst-Wiese zu erzielen.

Weitere Leistungen bestehen darin, den gemeinschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, eine Arbeit für die Langsamen anzubieten, regionale touristische Attraktionen zu eröffnen (z.B. Erntefest) sowie lokale Geldströme zu garantieren („das Geld bleibt im Dorf“).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ökosystemleistungen folgende gesellschaftliche Ziele haben, die sich auch an den SDGs und den planetarischen Leitplanken orientieren:

  • Artenvielfalt
  • Klimaschutz, (z.B. 2 Grad Ziel), was vor allem für die Waldaktie und MoorFutures gilt
  • Wasserqualität, was vor allem für MoorFutures gilt
  • Bildung für nachhaltige Entwicklung, was auf alle drei bisherigen Modelle zutrifft.

Die Diskussion war spannend: Es geht um CO2 Bindung. Man kann sich doch vorstellen, das auf ganze andere Bereiche zu übertragen. Wenn wir beispielsweise den Bau von Holzhäusern fördern würden. Ein Holzhaus speichert viele Jahrzehnte CO2, andere Häuser erzeugen CO2, wenn man z.B. die Zementherstellung denkt. Thorsten Permien bestärkte die Überlegung marketingtechnisch, dass man solche Ideen nicht davon abhängig machen muss, was es schon auf dem freien Kohlenstoffmarkt gibt, sondern letztendlich geht es immer darum, die Geschichte zu erzählen, die so attraktiv ist, dass die Leute sagen, ja Mensch, das würde ich gerne unterstützen. Man könnte auch z.B. eine Wildnisaktie für die Kernbereiche des Müritz-Nationalparks auflegen. Und könnte man nicht sogenannte gesetzliche Kompensationsleistungen (Flächenausgleich) mit diesen freiwilligen Leistungen verknüpfen? Man könnte dann einfach sagen, hören Sie, Investor, Sie versiegeln da ganz schön viel Fläche und Sie haben den und den Kompensationsbedarf, da gibt es Waldaktien, oder Moor-Futures. Das können Sie kaufen. Herr Permien stimmte dem zu, mit dem Hinweis, dass zwei Konten zu führen seien (eines für die, die das freiwillig machen, und eines für die, die das aus der gesetzlichen Kompensationsverpflichtung heraus machen müssen).

Dann wurde die Frage gestellt, welche Ökosystemdienstleistungen Thorsten Permien für unsere Region als besonders nützlich ansehen würde. Er bemerkte, dass das Thema noch ganz am Anfang stehe. Aber es gibt in Malchin zwei Projekte, die ihn beeindrucken. Das eine Projekt steht schon, das ist das Heizkraftwerk Agrotherm, das andere ist der Moorbauer, der für viele Malchiner ein Identifikationspunkt sei und eine Historie habe, mit der man eine ganze Menge transportieren könnte. Man könnte sich natürlich auch vorstellen, Grundlagen für einen ökologischen Finanzausgleich zu schaffen, denn diese Leistungen sind ja Leistungen für die Bundesrepublik und werden auf der Ebene des kommunalen Finanzausgleichs auch schon diskutiert.

Bernd Kleist regte an, dass er sich für die Stadt Malchin schon vorstellen könne, dass die Stadt Aktien auflegt, um Projekte wie z.b. Agrotherm, die einen Teil der Grundlast der Wärmeversorgung der Stadt tragen, in der Startphase finanziell zu unterstützen. Der Ball wurde aufgenommen und der Aktie wurde auch schon ein Name gegeben: „Malchin heizt ein“. Und der Prozess wird als Bürgerbeteiligungsprozess gestaltet, um all die Bausteine, die bislang schon für die Zukunftsstadt entwickelt wurden, zusammenzuführen.

Reinhard Dorn verabschiedete uns mit einem Ausblick auf die kommende Veranstaltung zur Bildungslandschaft Malchin, über die wir gleich berichten.

Hier ein interessanter Link zum Handel mit Flächenzertifikaten.

Hier die pdf der Vortragspräsentation.

Ein Gedanke zu „Waldaktien und Streuobstgenussschein

  1. Pingback: Geschichten aus der Zukunft – mitten im Klimawandel | MALCHIN | GESCHICHTEN AUS DER ZUKUNFT

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s