Erkennen, was notwendig ist und tun, was möglich ist

Zur Veranstaltung am 1. März freuten wir uns, die Stadtbibliothek aufzusuchen. Es war naheliegend, denn angekündigt war eine Lesung. Johannes Liess las aus seinem Buch „Artgerecht leben: Von einem, der auszog, ein Dorf zu retten“ (2011, Irisiana Verlag).

„Wovon träumen die Hühner?“ begann Liess. Hühner können nicht träumen, mögen die meisten antworten. Doch darum geht es nicht. Denn der Traum der Hühner ist von unseren eigenen Träumen vielleicht gar nicht so weit entfernt. So wie das Huhn davon träumt, artgerecht behandelt zu werden, so träumen auch Menschen davon, artgerecht behandelt zu werden. Denn das ist der Mensch; eine Art des Lebens auf der Erde. Doch der Mensch neigt dazu, sich selbst ebenso wenig artgerecht zu behandeln wie die Hühner. Er engt sich ein, beschränkt sein Leben. So wird der Käfig zur Metapher: Es gibt allzu viele Käfige, in denen der Mensch gefangen ist, die in unseren Köpfen, die in der Bürokratie, die sozialen Käfige und die einer zerstörerischen Wirtschaft. Der Mensch will, ebenso wie das Huhn, artgerecht behandelt werden. „Auch wir wollen an die frische Luft“, sagt Liess.

Das hat Liess getan. An die frische Luft ist er gegangen.

1998 hat er sich gemeinsam mit seinen Geschwistern in dem kleinen Dorf Lüchow am nördlichen Rand der Mecklenburgischen Schweiz ein heruntergekommenes Bauernhaus, eine Ruine gekauft. Lüchow war früher ein Gutshofdorf. Weil es kein LPG-Standort war, nahm die Bevölkerung immer weiter ab bis es in den 1990ern weniger als 10 Einwohner hatte. Heute leben dort neue Einwohner, die Hälfte Kinder, die Häuser sind saniert, viele Arbeitsplätze sind entstanden. Wurde hier der Traum vom artgerechten Leben erfüllt? Was ist seit 1998/99 passiert?

In seinem Buch erzählt Liess diese Geschichte. Es sind solche Geschichten, die wir brauchen. DSC_0732_600Um zu sehen, wie jeder einzelne seine Zukunft selbst gestalten kann, in der Stadt, auf dem Dorf oder konkreter, auch in Malchin.

Zuerst baute sich Familie Liess ein Sommerhaus. Später, 2003, wollten sie bleiben. Ein Konzept für ein starkes Dorf schwebte ihnen vor, ein Dorf, wo die Grundbedürfnisse der Bewohner befriedigt werden.

Sensationell, was ihnen gelungen ist:

  • 2005 haben sie einen Kindergarten gegründet.
  • Und 2006 eine Schule.
  • 2007 folgte ein Hort.
  • Und 2008 ein Dorfladen.
  • 2009 wurde ein Schulhaus gebaut.
  • Seit 2012 gibt es auch ein Kulturcafé.
  • 2014 wurde das erste Mehrgenerationenhaus in Angriff genommen und abgeschlossen.
  • 2015 wurde mit dem zweiten begonnen, das im Mai/Juni diesen Jahres fertig wird.

Mit der Gründung der Schule zogen nach und nach Familien zu. 60 Menschen leben dort heute, ein Drittel davon Kinder. Keine Arbeitslosigkeit. 10-12 alte Häuser gab es, die heute alle bewohnt sind. Zwei neue Häuser sind dazu gekommen.

Johannes Liess hatte ein paar Passagen aus dem Buch ausgewählt und nachdem er sie vorlas, immer die Möglichkeit für Fragen geboten. So entstand eine angenehme Atmosphäre des Austauschs, eine dialogische Lesung gewissermaßen.DSC_0733 600

So kommt die Frage auf, ob es Pendler gibt. Ja, meint Liess, die gibt es auch, solche die kommen und solche die raus fahren zum Arbeiten.

Die Gestaltung Lüchows teilt Liess in zwei Phasen. Zuerst wurde für Kinder alles möglich gemacht, was möglich zu machen war. Dann wollten sie etwas für die ältere Generation tun. Dem Mangel an altersgerechten Wohnmöglichkeiten und Pflege etwas entgegensetzen.

Und machten sich an die Gestaltung eines Mehrfamilienhauses. Wichtig war ihnen, dass eine individuelle Lebensführung bewahrt blieb. Es sollte einen abgeschlossenen Wohnbereich geben und Gemeinschaftsräume. Die Bewohner sollten in den Alltag einbezogen werden. Wozu die Menschen noch in der Lage waren, sollten sie auch tun können, auch Tiere einbezogen werden, ob Katzen, Hunde, Ponys oder Schweine.

Das Haus zu bauen fiel nicht schwer, Liess ist ja Architekt und hat in Lüchow auch ein Architektenbüro. Ein Gebäude mit 12 Wohnungen war schnell errichtet. Aber Wissen darüber, wie man ein solches Haus betreibt, hatten sie nicht. Sie mussten einen Betreiber finden. Den fanden sie, einen gelernten Altenpfleger. Die richtige Pflege übernimmt ein mobiler Pflegedienst.

All das ist natürlich von Hindernissen und Problemen gesät. An der deutschen Bürokratie kommt man halt nicht ganz vorbei. So ist die Schule zur Zeit geschlossen. Auf behördliche Anordnung hin, musste sie 2011 zumachen. Doch wichtig ist, sich gegenseitig zu helfen, dann fällt es auch leichter, Enttäuschungen zu verwinden und weiter zu machen. Es ist viel Arbeit, da darf man sich nichts vormachen; die Wohnungen z.B. zu einem Drittel mit Fördermitteln, einem Drittel mit Spenden (zur Hälfte Geldspenden, zur Hälfte Sachspenden) und ein Drittel mit Krediten zu finanzieren.

In der letzten Passage, die Liess aus seinem Buch vorliest, wird es auch zum expliziten Ratgeber:„Lüchow ist überall. Wir wollen anders leben als bisher. Sie wollen Veränderung. Fangen Sie bei sich selbst an. Was ist Ihnen wichtig? Was wollen Sie selbst? Was möchten Sie verändern? Welche Bedürfnisse haben Sie, was brauchen Sie ganz konkret, was fehlt Ihnen? Wenn Sie das in etwa wissen, gehen Sie den nächsten Schritt: Denn erst dann fängt die ganze Sache auch an, Spaß zu machen.“

Genau, Lüchow ist überall, auch in Malchin.

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