Der Stadtgrundriss als Indikator für Resilienzfähigkeit

Am 18. Februar waren wir wieder in der Kirche St. Johannis zusammen mit knapp 15 Teilnehmenden beim Vortrag von PD Dr. habil. Harald Kegler vom Institut für urbane Entwicklungen der Universität Kassel zum Thema „Warum eine Stadt der Zukunft „resilient“ (zukunftsfähig) sein sollte?“

DSC_0135In seinen einleitenden Worten wies Joachim Borner darauf hin, dass Resilienz  Widerstandsfähigkeit bedeutet und dass dieser Begriff üblicherweise nicht mit der Stadt in Verbindung gebracht wird. Indem die Wissenschaft diesen Begriff in die Diskussion einbringt, leistet sie etwas Fundamentales: dazu beizutragen, eine andere Perspektive einzunehmen. Zu dieser Perspektive hat Harald Kegler wesentlich beigetragen, der u.a. in den 90er Jahren das Projekt „Industrielles Gartenreich“ in Dessau-Wittenberg leitete, das zum Korrespondenzstandort der EXPO 2000 wurde. Harald Kegler zeige auf, dass Zukunftsfähigkeit Widerstandsfähigkeit braucht. Harald Kegler begann seinen Vortrag, indem er darauf hinwies, dass Resilienz eine existentielle Eigenschaft, eine Systemeigenschaft ist. Und er rekurrierte auf die von Borner bereits angesprochene Änderung der Perspektive. Es geht nicht um Visionen, sondern darum, wie wir eine Zukunft ermöglichen, darum, Rahmenbedingungen, Strukturen, Verhältnisse zu schaffen, die Zukunft möglich werden lassen.

Das impliziert die Frage, wie wir mit Störungen resp. Anfälligkeiten für Störungen umgehen können. Und diese Störungen sind menschengemacht. Es sind keine Naturkatastrophen. Deshalb spricht man von einem neuen Zeitalter, dem Zeitalter des Anthropozän (Menschenzeitalter).

Die Jahrhundertflut 2013 in Dessau ist ein solches Beispiel einer Störung.

Der Supersprawl, also die weltweite Auflösung der Stadt in der Suburbanisierung, mit den Basiselementen Straße und Einfamilienhaus, ob in Florida in den Vereinigten Staaten oder in Thüringen, ist ein weiteres Beispiel.

Räume werden so konstruiert, dass Stress entsteht, durch zu wenig oder zu viel Infrastruktur. Es sind sogenannte Überhang- und Defizit-Räume, die durch Abhängigkeiten entstehen, etwa die Abhängigkeit von einer Branche oder der Konjunktur.

DSC_0143Dieser Umgang mit unserem Lebensraum führt dazu, dass wir, im Gegensatz zu früher nicht mehr sagen können, wir würden wissen, was morgen geschieht. Deshalb müssen wir das Unbekannte zur Planungsgrundlage machen. Dafür ist unsere Demokratie – und diesen Punkt hob Kegler hervor – aber nicht vorbereitet. Die Demokratie ist ein System, das nicht automatisch resilient ist. Die Möglichkeit einer Transformation ist der Demokratie sozusagen nicht inhärent.

Daher ist es hilfreich, im Rahmen der Idee vom Anthropozän weiterzudenken. Wir sind jetzt im Menschenzeitalter, wir beschäftigen uns mit uns. Anthropozän ist dergestalt ein analytischer und konzeptioneller Ansatz, der drei Chancen bietet:

  • Kontrakt: Naturvertrag, Gesellschaftsvertrag, moderner Leviathan
  • Komposition/Planung: Manifest, Loops/Gestaltung, Risikovorsorge
  • Konflikt: Resilienz, also Lernen im Konflikt, Resistenz und Persistenz

Resilienz ist auch relevant für Malchin. „Klima-Anpassung und Resilienz“ ist immerhin eine Leitlinie des Wettbewerbs Zukunftsstadt

Resilienz ist ein Szenarium für eine mögliche Zukunft. Welche Alternativen haben wir?

  • Da ist zum einen der Kollaps. Den kann keiner wollen.
  • Regionen können sich sozial spalten, so dass die Reichen in Sicherheit vor dem Kollaps leben und die Armen in Unsicherheit. Auch das kann keiner wollen.
  • Selbstversorgung ist auch eine Möglichkeit. Auf die kann zurückgegriffen werden.
  • Aber wir brauchen vor allem auch resiliente Regionen.

Um das zu erreichen, brauchen wir ein anderes Verständnis von Entwicklung. Das Problem: Entwicklung wird immer mit Wachstum gleichgesetzt. Die Gesellschaft soll effizient sein.

Resilienz steht dem entgegen. Resilienz heißt Handlungs-Spielräume schaffen: möglichst viel Resilienz erreichen und das Risiko minimieren. Wir müssen lernen!

Wie erreicht man die Resilienz-Spielräume? Vier Kriterien sind hierfür maßgebend:

  1. Widerstandsfähigkeit: gegenüber Wandlungen
  2. Verlässlichkeit: Reserven bilden, um auf Störungen reagieren zu können
  3. Redundanz: genügend Überschuss zum Überbrücken besitzen
  4. Reaktionsschnelligkeit: kurzfristiges Reagieren und langfristiges Gestalten

DSC_0144Nehmen wir die Magdeburger Börde. Die Bodenqualität hier ist mustergültig. Doch ist diese Qualität hochgradig gefährdet durch Ausbau von Infrastrukturen: etwa durch die Glasindustrie, riesige Areale, die abgeschrieben sind und von den Unternehmen verlassen werden.
Ein anderes Beispiel: Mülheim a.d. Ruhr. Die Stadt wurde in den 1960ern ganz auf zwei Kaufhäuser hin ausgerichtet. Die Stadt wurde regelrecht zu einem Kaufhaus gemacht. Die Kaufhäuser stehen heute leer. Hier wurden Kegler und andere aktiv. Sie haben ein Charette-Verfahren initiiert, eine kollaborative Planung, eine Zukunftscollage.

Dr. Kegler zeigte auf zentrale Punkte für Malchin: Lasst uns Schritt für Schritt den historischen Stadtgrundriß reanimieren, pflegen und sichern; lasst uns pfleglich und achtsam mit den Stadträndern umgehen und die naturnahen Flächen der Moor- und Seenlandschaft wertschätzen; lasst uns gemeinsam neue Beziehungen zwischen Malchin und den Dörfern aufbauen in denen die Dörfer (die jetzt Ortsteile genannt werden) eigene kulturelle und ökonomische Ideen und Anteile an der Selbstversorgung Malchins einbringen können. Lasst uns immer wieder Impulsgeber zusammenholen, aufmuntern, ihnen zuhören, mit ihnen beraten.

Als eine radikale Zukunft kam Kegler zum Ende noch auf die Wiederbesinnung auf einen alten Siedlungstyp zu sprechen: das Dorf. Dorf verschwindet aus der Sprache, meist wird ja vom ländlichen Raum gesprochen. Dabei ist das Dorf die Metropole, ist eine Basis für Zukunftsfähigkeit. Das wird bislang nicht erkannt.

Das kann auch mitbedacht werden, wenn wir von einer Zukunftsstadt sprechen. Wenn wir – und da greift Kegler gezielt hoch – ein realisiertes Utopia im Sinne von Thomas Morus haben wollen.

DSC_0146Ja – sagten alle im Saal! Gut wäre, wenn wir in Malchin so einen Ort oder eine Institution hätten, wo man sich regelmäßig zur Reflexion trifft oder zum Feedback – vielleicht in einem Cafè zum Snacken den wir im Steintor einrichten? Wir brauchen die Möglichkeit, um von anderen guten Beispielen zu lernen aber auch um unsere Erfahrungen zu vermitteln. Denn wir sind nicht Hinterland sondern vorn-dran. Wir wollen souverän sein. Wir müssen sicher noch viel üben um beim Umgang mit Unsicherheiten nicht Ängste zu schüren.

Die Powerpoint-Präsentation des Vortrags können Sie hier als pdf herunterladen.

Ein Gedanke zu „Der Stadtgrundriss als Indikator für Resilienzfähigkeit

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