Experten stellten sich am 09.02.16 den Fragen der Projektgruppe Zukunftsstadt, StadtvertreterInnen und Bürgerschaft

Weit mehr als 30 Teilnehmende waren der Einladung zur Expertenanhörung gefolgt und diskutierten über die Rolle der Stadt im Raum, die Stadt-Landbeziehung und über Schönheit von Stadt und Region.

Die Stadt Malchin und das KMGNE hatten zusammen mit der Projektgruppe Zukunftsstadt die DSC_0612Bürgerschaft und Stadtvertreterinnen zu einer Expertenanhörung eingeladen und mehr als 30 MalchinerInnen sind gekommen – ein kleiner Rekord. Weil wohl die beiden Inputs diametraler nicht hätten sein können?

Udo Onnen-Weber vom Kompetenzzentrum Ländliche Mobilität /Hochschule Wismar stellte 5 zentrale Thesen zur Stadt-Landbeziehung in den Raum Mecklenburg-Vorpommerns:

  1. Jede Stadt, jedes Dorf ist anders und es gibt keine allgemeinen Antworten.
  2. Es braucht Raumpioniere und konkrete Ziele.
  3. Drei Trends seien zu beobachten: Teilhabe und Mitgestaltung der Bürgerschaft, kommunale Unternehmerschaft im Energiebereich sowie das Aushandeln in Diskussionsprozessen.
  4. Ohne Paradigmenwechsel wird die Zukunft nicht gestaltbar sein oder anders ausgedrückt: Wir müssen den Mut haben, das Selbstverständliche zu hinterfragen.
  5. Die Rolle der Stadt im Raum muss neu gedacht werden. Wir sind zwar Garten der Metropolen, aber die Großzahl der Lebensmittel beziehen wir über Discounter.

Prof. Dr. Rolf Kuhn, ehem. Direktor der IBA Fürst-Pückler-Land, hat seinen_Input  an der großen Relevanz von Schönheit für eine Stadt, eine Region, einer Landschaft festgemacht und dies durch Beispiele der IBA Fürst-Pückler-Land in der Lausitz erläutert. In seinen einleitenden Worten verwies er auf die große Depression in der Lausitz Ende der 90er Jahre: 50% Arbeitslosigkeit, eine zerstörte Natur und gar keine Idee, wie das Leben nach dem Abbau der riesigen Braunkohleindustrie weitergehen könnte. Wo sollte man Arbeit herbekommen, wie können Kinder und Enkel in so einer Region leben?
Diese Situation erlaubte es aber, über Dinge nachzudenken, die man unter anderen Umständen für Hirngespinste gehalten hätte. Er zitierte für das Nachdenken über die Zukunft Malchins einen 2000-Jahre alten Spruch eines römischen Baumeisters: Nützlichkeit, Festigkeit und Schönheit, diese drei gleichwertigen Elemente sollten Architektur und Gestaltung beinhalten. Und stellte in den Raum, dass, wenn Malchin schön sei, sich die Menschen wohl fühlten, da Menschen mit dem Schönen etwas sehr positives empfinden. Auch in der Lausitz ging es darum, aus der Region eine besonders schöne, attraktive Region zu gestalten, da der Tourismus nur saisonal ist. Aber wenn Menschen nun dort hinfahren und ihre heilige Freizeit dort verbringen, dann wohnt man da auch gerne, arbeitet gerne und es siedeln sich auch Unternehmen an.

Was sich alles mit Schönheit für eine Stadt, eine Landschaft, eine Region, eine Straße, ein Haus verbindet, das ist ein Gewinn für ganz Vieles. Das zieht einfach an. Die wirtschaftlich erfolgreichen Landschaften, Regionen und Städte sind die, die auch schön sind.

Malchin 2030+, so schön wie Venedig, Prag oder Paris?

Noch konnte sich das niemand so recht vorstellen und die Teilnehmenden interessierte erst einmal, wie man Leute überzeugt, Außergewöhnliches mitzumachen und sogar mit voranzutreiben. Rolf Kuhn verwies darauf, dass Menschen meist das als schön befinden, was sie selbst schon mal erlebt haben. Und es deswegen schwer ist, etwas Neues, was man selber noch nicht kennt, noch nicht als angenehm empfunden hat, durchzusetzen.
Und in Deutschland ganz besonders. Die französischen Präsidenten haben sich immer mit moderner Architektur für die Nachwelt dargestellt, z.B. das Centre Georges Pompidou des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou. Bei uns werden lieber alte Schlösser neu aufgebaut.
Um Initiative zu erzeugen und Leute mitzunehmen, sei es wichtig, ein konkretes Projekt zu haben oder sich zumindest etwas vorzustellen – auch wenn man nicht weiß, ob das richtig gut wird. Mit einem konkreten Projekt, so wie die von Rolf Kuhn vorgestellte Abraumförderbrücke F60, das sich niemand vorstellen konnte, wurden anfangs Leute gewonnen, die zumindest darüber gestritten haben. Und es wurde Stück für Stück gezeigt, wie das mal aussehen wird und was es für ein Zeichen für die Region in der Zukunft ist. Nicht zuletzt muss man den Mut haben, diese langen Prozesse auszuhalten, darf nicht gleich aufgeben und nie überheblich werden und muss alle Leute miteinbeziehen.

Christoph von Kaufmann vom regionalen Planungsverband Mecklenburgische Seenplatte wies darauf hin, dass das regionale Entwicklungskonzept für die Mecklenburgische Seenplatte als Dachkonzept verabschiedet wurde und Gestaltungsräume beinhaltet, um Vorhaben flexibler anzugehen. Und er betonte, dass es sich am Beispiel der IBA Fürst-Pückler-Land gut zeigt, wie wichtig es ist, Förderprogramme in Projekte zu integrieren und nicht umgekehrt, wie es seit 25 Jahren hier gemacht wird. Es muss vor Ort, bottom up, überlegt werden, was man gemeinsam will. Bezugnehmend auf den Input von Udo Onnen-Weber verwies Christoph von Kaufmann darauf, Malchin wird hier und heute bestimmt nicht den ÖPNV umkrempeln können, da es Kreisangelegenheit ist. ABER, der Kreis wird auf die Städte im Land zugehen müssen, und über gute Verträge wird es dann in der Zukunft möglich sein, einen guten ÖPNV zur Sicherung der Mobilität und keine reine Schülerbeförderung aufzustellen.

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Weitere Statements der Teilnehmenden kamen auch zu dem Schluss, dass es wichtig sei, individuelle Fördermöglichkeiten zu entwickeln und dass kommunale Unternehmerschaft keine Konkurrenz fürs Handwerk darstellen darf. Udo Onnen-Weber stimmte dem zu und verwies darauf, dass er die Unternehmerschaft der Kommune eher im Bereich eines Mixes erneuerbarer Energien sieht.

Joachim Borner fasste abschließend zusammen, wie es bis Ende Mai weitergeht:DSC_0614
Es werden die in den vergangenen sechs Monaten gesammelten Zukunftsideen (Interviews, Schüler- und Studentenprojekte, Diskussionen), die heute hier vorgetragenen Ideen, und weitere Ideen, die über den Wettbewerb, über die vielen individuellen Lebensentwürfe, die Diskussionen in der Vortragsreihe zusammengetragen und im Mai in einem großem Wimmelbild vereint.
Parallel arbeiten ab März Zukunftswerkstätten, also Arbeitsgruppen Malchiner Bürger und Bürgerinnen zu Visionen wie digitale Bildungslandschaft/Campus Berufsschule, Familie und Gesundheit, demografischer Wandel, Mobilität und Gesundheitsförderung, kompakte Bebauung und energetische Gebäudeerneuerung, öffentlicher Raum und Ortsteile, Energie, Nahrungsmittel und regionale Wertschöpfung… Die Ergebnisse, also konkrete Gestaltungsvorschläge für Orte wie Marktplatz, Hafen, Berufsschule sowie Themen Ernährung und Gesundheit, Mobilität, Energie u.a werden öffentlich und zur weiteren Verbesserung freigegeben.
Zusammen mit der Projektgruppe wird dann aus allen kleinen und großen Zukunftsideen die große Geschichte Malchin 2030+ entworfen und auf einer Bürgerversammlung Ende Mai diskutiert.
Diese wird dann als eine übergeordnete Vision beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingereicht. Und wenn die Jury in Bonn meint, dass die Geschichte Malchin 2030+ eine spannende Geschichte ist und das Potential von neuen Handlungsmöglichkeiten hat – also nicht der bloße Transport der Gegenwart in die Zukunft –, dann hat die Stadt das Glück, einzelne Sachen umzusetzen zu können.

Aber davon unabhängig, gibt es auf jeden Fall eine Abschlussveranstaltung, ein Bürgerfest auf dem Markt.

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