DAS AUTO von Siegfried Marcus

Die Geburt der revolutionären Automobilisierung aus dem Geiste des Malchiner Schlossers Siegfried Marcus

Ein Text von Kevin Rittberger

Zur Zeit der europaweit isolierten Pariser Commune von 1871 feilt der Mechaniker Siegfried Marcus aus Malchin, Mecklenburg, an der Automobilisierung der Menschheit. Die Erfindung der Automobilisierung ist zugleich die Erfindung der Karbonisierung der Luft, wofür Marcus 1865 sein erstes Privileg erteilt bekommt. Wie lange würde es nun noch dauern, bis das erste Auto in Serie ginge, wie lange, bis es für jeden erschwinglich wäre?  Warum würde sich hinterher keiner mehr an den ersten Dampfbus aus London erinnern, den „puffenden Teufel“ von 1830, Stunde Null des öffentlichen Nahverkehrs?

Auto

[Das erste Fahrzeug mit einem Benzin-Motor (Automobil), gebaut und getestet von Siegfried Marcus in Wien 1864.]

Wäre die landesweite, gar europaweite Miteinbeziehung der Arbeiter und Kleinbauern, die Kommunen von Marseille und Narbonne in die Pariser Revolution möglich gewesen, wäre das Auto um eine Haaresbreite früher erfunden worden? Hätte sich eine motorisierte Nationalgarde nicht wesentlich besser gegen die Kavallerie der Versailles-Armee zur Wehr setzen können? Hätte man nicht solidarische und agitierte Genossen von jedem beliebigen Punkt schnell nach Paris befördern können, als die Kommune zu kippen drohte? Hätten sich die Pariser Genossen vor der erfolgreichen Konterrevolution durch Thiers (& Bismarck) nicht mithilfe der neuen Kraftfahrzeuge mit den Deklassierten aller Länder (zumindest aller Europäer) vereinigen können, um fünf Monate nach der deutschen Kaiserkrönung in Versailles die europaweite Konföderation der Kommunen auszurufen? Zwei Jahre nach Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiter Partei hatte August Bebel nach ersten Massenstreiks im Ruhrgebiet ja auf die Reichweite der Kommune hingewiesen, nämlich

„dass der Kampf nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht, und dass, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang der Schlachtruf des gesamten Proletariats sein wird!“

Die Erfindung von Siegried Marcus im Malchiner Heimatmuseum

Die Erfindung von Siegried Marcus im Malchiner Heimatmuseum

Wie viele Fahrzeuge hätte der gelernte Schlosser aus Malchin, der seinen Lebensunterhalt durch Anmeldung von zeitlebens rund einhundertdreißig Patenten bestritt, bereitstellen können? In Deutschland hatte die Hochindustrialisierung eben erst begonnen, wer hätte also für massenhaften Nachschub sorgen können? Der Essener Kanonenkönig kümmerte sich 1860-70, also zwischen dem Deutsch-Dänischen, dem Deutsch-Deutschen und dem Deutsch-Französischen Krieg zunächst um die Herstellung von Artilleriegeschützen. Und wie, wenn nicht motorisiert, hätte man den Essener Kassenschlager, die 1,8 Tonnen schweren Krupp Feldkanonen vom Typ C/67 transportieren sollen, um die Kommune zu verteidigen? Und warum überhaupt Personenkraftwagen, warum nicht einen großen Omnibus für vier- bis fünfhundert Kommunarden herstellen, den man zur Not, angesichts der Konterrevolution gleich einem Trojanischen Pferd aus der Kommune herausfahren könnte, um sich neu zusammenzusetzen? Marcus, nach einer Mechaniker-Lehre bei Werner Siemens in Berlin beschäftigt, bevor er anstelle des preußischen Militärdiensts nach Wien ging, hätte die guten Nachrichten im Falle eines Überlebens der Kommune per Telegraf zumindest bis nach Kalkutta verbreiten können. „So schwebte das Wort ‚Kommune’ auf aller Lippen“ (Peter Kropotkin).

Noch war die einhundertfünfzig Jahre später der Menschheit zum ökologischen Verhängnis werdende „gesellschaftliche Ideologie des Autos“ (André Gorz) nicht geboren, die in Malchin ihren Ursprung nehmen sollte. Vielleicht hätte ein Malchiner Urauto im Dienste der Revolution (Open Source) der Menschheit von Vornherein einen anderen Dienst erwiesen. Unter anderen Umständen, gesetzt die Automobilisierung wäre nicht a priori zum individuellen Statussymbol der bürgerlichen Konsumgesellschaft geworden: Auch die These vom Anthropozän wäre Makulatur.

William Morris (Frederick Hollyer, 1887) (c) Wikipedia

William Morris (Frederick Hollyer, 1887) (c) Wikipedia

Womöglich hätte der verzweifelte, vom Geist der Kommune beseelte Marcus von Wien nach London geschrieben, an den Maler, Architekt, Kunstgewerbler, Dichter, Ingenieur und Drucker William Morris. Dieser hatte gerade das Kapitel „The Death of Paris“ innerhalb des Langgedichts „The Earthly Paradise“ abgeschlossen. Noch bevor Morris den Brief des Malchiners ein zweites Mal gelesen hätte, wäre ein Entschluss sicherlich gefasst gewesen:

„What is the object of Revolution? Surely to make people happy. And happiness without happy daily work is impossible. And what is the reward of labour? The reward of labour is life. Is that not enough? So we need to talk about labour, life, sociality and last but not least revolution, so finally, alter our societies’ time regime in a fundamental way! Sleep eight hours! Work four! Take care for the kids or the elderly takes another four, and so does our political education and our love of life! Here we are, 24 hours a day. [1]“

[1] „Was ist das Ziele der Revolution? Sicherlich Menschen glücklich zu machen. Und Glück ohne tägliche Arbeit ist unmöglich. Und wie wird Arbeit belohnt? Der Lohn der Arbeit ist das Leben selbst. Ist das nicht genug? Also müssen wir über Arbeit sprechen, Leben, Geselligkeit und nicht zuletzt auch Revolution; schlussendlich müssen wir also die zeitliche Verfügbarkeit innerhalb einer Gesellschaft grundsätzlich verändern! Acht Stunden schlafen! Vier Stunden arbeiten! Für die Kinder und Älteren sorgen braucht weitere vier Stunden und ebenso verhält es sich mit unserer politischen Erziehung und unserer Liebe zum Leben! Das ist es, 24 Stunden am Tag!“

Kevin Rittberger (1977 geboren in Stuttgart, lebt in Berlin), Autor (Verlag der Autoren), Regisseur und Kurator, studierte an der Freien Universität Berlin Neuere Deutsche Literatur, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s