Herr Scherer über Bildung und Kultur (Schuldirektor, Malchin)

Interview mit Herrn Scherer, dem Schuldirektor vom  Fritz-Greve-Gymnasium: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Bildung uns Kultur für die Zukunft von Malchin?

 [August 2015, gekürzt und zum Teil modifiziert]

Über die Stadt Malchin und seine Bevölkerung

Stadttor von Malchin

Stadttor von Malchin

Ich selbst lebe nicht in Malchin, wie auch viele Lehrer des Hauses keine Malchiner sind. Gleichwohl bin ich hier seit 10 Jahren mit dem Herzen in der Schule und habe auch Vorstellungen, die die Kommune hier betreffen und die Entwicklung dieser kleinen Stadt.

Dass so viele von Lehrkörper nicht hier wohnen, hängt auch damit zusammen, dass man in diesem Ort Malchin, nicht gut leben kann. Das geistig kulturelle Milieu, der geistig kulturelle Hintergrund in so einer kleinen Stadt wie in Malchin, ist für mich persönlich zum Leben nicht gut geeignet.

Malchin, ist ein Ort dessen Bevölkerung seit der Wende mehr als halbiert ist. Es gibt kaum Industrie, es gibt im Vergleich zu anderen Regionen  noch relativ viele industrielle Betriebe, aber im Vergleich zu früher ist das extrem zurückgegangen. Die sozial-demographische Struktur ist richtig schwierig geworden. Nicht nur die Altersstruktur, sondern auch Sozialgeographie, die da durchschlägt. Wir merken das auch hier in der Schule, ähm, mehr als die Hälfte unserer Schüler kommt nicht aus Malchin.

Mit dem Wegfall staatlicher Einrichtungen in Malchin, mit dem Wegfall kultureller Einrichtungen, ist eben dieser Aderlass diesbezüglich kräftig voran geschritten. Malchin war früher mal eine Kreisstadt. Es gibt mittlerweile – es gibt Gott sei Dank – noch ein Krankenhaus (Außenstelle des Klinikums von Neubrandenburg). Es gibt Gott sei Dank noch sehr viele verschiedene Schulen am Ort, das ist durchaus nicht typisch. Es gibt  vergleichbare Orte in Mecklenburg-Vorpommern, die haben bestenfalls noch eine kleine Grundschule. Und wir haben hier von Gymnasium bis zu Förderschulen und Berufsschulen immer noch das ganze Spektrum. Das ist schon bemerkenswert. Aber das war’s dann. Und damit verbunden ist, damit einher geht ein gewisser Aderlass einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.

Kultur auf dem Land, Brache in der Stadt

Gessin

Gessin

Es ist in vielen Zusammenhängen zu erkennen, dass der Anteil der wirklich gut qualifizierten, kultivierten Leute zunehmend abnimmt. Die, sagen wir mal, Eliten der Stadtverwaltung usw. leben alle nicht in Malchin. Die leben in Dörfer hier drum herum, in einer wunderschönen Gegend und bereichern in ihren Dörfern das kulturelle Leben. Es ist hoch beeindruckend was in Dörfern wie z. B. Gessin passiert. Nur davon bekommt die Stadt Malchin nichts ab! In Malchin sind – zugespitzt formuliert -die geblieben, die diese Möglichkeit nicht hatten. Diese sozialen Verwerfungen der letzten 20 Jahre merkt man.

Was die Zukunft, die nahe Zukunft, von Malchin und sehr vieler anderer Mecklenburgischer Kleinstädte betrifft, da gibt es von vielen Experten zahlreiche Prognosen. Der einzige Weg, diesen Gemeinden wieder Leben einzuhauchen, geht meiner Ansicht nach nur über Kultur. Dann bekommt man vielleicht die Menschen hierher, die man haben möchte. Auch wenn das arbeitsmäßig und vom wirtschaftlichen Hintergrund natürlich keine Konkurrenz aufbauen kann zu Hamburg oder zu solchen Kernen, Berlin, oder wie auch immer. Vielleicht muss man auch abwarten, bis in diesen großen Zentren diese Systeme kollabieren. Bis alle erkennen, dass man auch auf dem flachen Land gut leben kann. Das zu einem guten Leben auch mehr gehört, als nur mehr Geld zu verdienen.

Vielleicht wird das auch so sein, dass in 50 oder 60 Jahren einige Orte nicht mehr existieren werden. Oder sie existieren, sind aber von der öffentlichen Versorgung getrennt. Es wir auf lange Sicht  nicht möglich sein, jedem kleinen Ort infrastrukturell Leben einzuhauchen, das wird einfach finanziell nicht machbar sein.

Tourismus als Lösung aller Probleme?

Na, ich denke es gibt in Deutschland so viele Regionen die touristisch interessant sin, nicht nur Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt sehr viele Regionen! Es ist ein riesiger Fehler, wenn man aus wirtschaftspolitischer Sicht allein auf Tourismus setzt. Man muss auch sehen, was der Tourismus mit der Gegend macht, nicht nur ökologisch. Besonders, wenn es in Massentourismus ausartet. Z. B. an der Ostseeküste, da will man sich nicht mehr aufhalten im Sommer, weile es Wirklich unerträglich ist!

Die große Landflucht

Landidylle |Landflucht

Landidylle |Landflucht

Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Zahl der Menschen die diese spezielle Art zu leben mögen, in naher Zukunft zunehmen wird. Ich denke von staatlicher, zentraler Stelle aus sind diese Dinge, die wir gerade haben (Klimawandel, Migration…) mit dem Kapitalismus nicht zu lösen. – Der Kapitalismus kann aus sich selbst heraus die anstehenden Probleme nicht lösen. – Es wird eine Bewegung stattfinden, die Leute werden wieder aufs Land gehen, besonders die Leute mit Kindern.

Mitwirken erlaubt und keinen interessierts

Es gibt Regeln, gesetzliche Regeln die also vorschreiben, die wir als Schule mit den Eltern zu arbeiten haben. Das ist das Formale und das passiert auch. Es gelingt uns bestenfalls punktuelle, über diesen Rahmen hinaus die Eltern mit einzubeziehen. Die Schule ist eine staatlich Einrichtung, die Lehrer sind Amtsträger, der Schulleiter ist ein Amtsträger und wird auch per se beargwöhnt.

bored-16811_1280Es ist in Deutschland, lange lange vorbei, das Kinder es als Errungenschaft, als Glück wahrnehmen, dass sie zur Schulen gehen können. Also, Gott sei Dank nicht von allen, aber von vielen wird Schule als notwendiges Übel, als notwendige Pflichtaufgabe angesehen. So ganz pragmatisch. Man muss seinen Schulabschluss machen, um später einen Job zu bekommen.

Für Eltern ist ein Lehrer gut, wenn das eigene Kind den Lehrer mag. Für Eltern ist eine Schule gut, wo das Kind gerne hingeht und wo es gute Noten hat. Das schließt natürlich ein, das man in Einzelfällen auch sehr nett und freundlich miteinander umgeht. Das ist der Vorteil einer ländlichen Region. Ich wünschte mir schon, dass sich auch Eltern von älteren Schülern mehr interessierten. Sie sollen ja nicht mitmachen, das ist unser Job, aber dass sie sich interessieren.

Es gibt leider, leider recht viele Eltern, die gefühlt der Meinung sind, dass für die Erziehung der Schüler ausschließlich die Schule zuständig ist. Und es gibt Lehrer die die gegensätzliche Meinung vertreten. Die sagen, sie bringen nur Wissen ein.

Ein Beispiel, wir haben hier bei uns in der Schule ein rigoroses Handyverbot. Während des Schultages darf keiner ein Handy benutzen. Im Wesentlichen bekommen wir das durchgesetzt. Es gibt viele Eltern, die uns auf die Schultern klopfen uns sagen, gut, haltet das durch. Aber zuhause am Esstisch bekommen sie das nicht durchgesetzt.

Schule als Leuchtturm für Kultur und Bildung

Ja und wir als Schule, als Gymnasium versuchen ein kleine kultureller Leuchtturm zu sein. Nicht aus profilneurotischer Sicht, sondern weil das für die Kinder wichtig ist. Das ist ein Grund mit, warum wir hier in der Schule einen sehr hohen Aufwand betreiben, besonders im musischen Bereich sehr viel Anregungen zu geben für unsere Schüler. Konzerte, und Kulturveranstaltungen und solche Dinge.

Kulturnacht in Malchin am Fritz-Greve-Gymnasium | gymnasium-malchin.de

Kulturnacht in Malchin am Fritz-Greve-Gymnasium | gymnasium-malchin.de

Das größte Projekt hier in unserer Schule findet bald zum 10. Mal statt – die Kultur-Nacht. Alle Schulen der Stadt, auch Privatschulen aus der Umgebung und die Musikschule machen mit – vom Förderschüler bis zum Musikschüler der bei „Jugend Musiziert“ Preisträger ist. Jeder kann kommen und zuschauen.

Wir haben verschiedene Gruppen, z. B. einen Chor.  Alle unsere Schüler werden „gezwungen“ auch mal ein klassisches Konzert zu besuchen. Aber wir gehen auch zu moderneren Veranstaltungen: Musicals in Hamburg, Jazz in Rostock. Von er Geographie liegt Malchin so günstig dass man Berlin Hamburg und Rostock relativ schnell erreichen kann. Wir versuchen das zu streuen. Einige nehmen das an, und interessieren sich. Unsere Schüler gestalten auch kleinere Programme mit dem Bibliotheksverein und mit der Musikschule zusammen.

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