Archiv für den Monat Oktober 2015

Geschichten aus der Zukunft – mitten im Klimawandel

Download des Manusscripts zum Lesen                  Mitschnitt der  gekürzten Fassung zum Hören

31.05.2030, Malchin:  Fünfzehn Jahre nach der Internationalen Weltklimakonferenz in Paris im Jahre 2015 treffen sich renommierte Wissenschaftler zur Internationalen Konferenz der Ankerstädte in Malchin. Sie suchen Antworten auf die Frage, wie kleine Städte im ländlichen Raum einen Beitrag zur Lösung globaler und regionaler Probleme leisten können.

Stadttor von MalchinIm Gegensatz zur französischen Metropole wurde dieses Mal die in Mecklenburg-Vorpommern malerisch gelegene Kleinstadt Malchin gewählt – 9.000 Einwohner mit einem intensiven, kulturell und naturbezogen, anspruchsvollem Gemeindeleben, einem Bildungscampus und einer praktizierenden Akademie für Zukunftsstädte. 2015 wurde Malchin noch als ein Ort “im Nirgendwo” angesehen. Damals konnte keiner ahnen, dass diese kleine Stadt einmal Impulsgeber für Klimaresilienz werden würde.
Ich habe heute Frau Prof. Julia Müller, ein Malchiner Kind und Koordinatorin eines der wichtigsten Forschungsteams der Akademie in unser Bürgerradio „Studio Malchin And Surround“ eingeladen. Frau Müller, erklären Sie uns doch mal bitte, was sie zur Weltklimakonferenz der Ankerstädte einbringen und was das alles mit der Entwicklung Malchins in den letzten 15 Jahren zu tun hat.

Prof. Julia Müller: Unser Ansatz, den wir in die Konferenz einbringen, basiert darauf, wissenschaftliche Forschung mit den Vorschlägen, Zielen und Vorstellungen der lokalen Bevölkerung zu verbinden. Heute, 15 Jahre nach dem Experiment „Wettbewerb Zukunftsstadt“, wissen wir, dass dieses neue Kapitel in der Menschheitsgeschichte, quasi Handeln im Anthropozän, immerwährend neu definiert wurde und nur durch die direkte Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger aus den kleinen Städten wie Malchin möglich war.

Moderator: Können Sie sich daran erinnern, wann und wie das damals alles begann?

Prof. Julia Müller: Aber ja. Es war im Sommer 2015. Damals machte ich mein Abitur am Malchiner Gymnasium, und ich kann mich gut an den Enthusiasmus und die Leidenschaft erinnern, die einige von uns in außerschulische Projekte einbrachten. Ich selbst war in diesem Jahr Teilnehmerin einer Sommeruniversität zum Thema „Zukunftsstadt“ und außerdem in einem Jugendkongress zur Verantwortung von Kommunen für zukünftige Generationen in Karnitz involviert, ein Dorf ganz hier in Nähe. Wir waren alle junge Leute, aus Malchin, Chile, Deutschland, Ecuador, Frankreich, Griechenland, Italien, Kolumbien, Spanien und der Tschechischen Republik.

Malchin nahm damals auch an einem Bundeswettbewerb namens „Zukunftsstadt“ teil, so dass die Stadt mit kleinen Workshops und Vorträgen und größeren Bürgerversammlungen von August 2015 bis April 2016 wie ein Ideenlabor war. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begleiteten den Prozess, so dass gemeinsam Zukunftsmodelle durch verschiedenes Wissen entwickelt wurden.

Bis heute wirkt dieser Sommer nach. Ein Beispiel: Während meiner gestrigen Mittagspause setzte ich mich neben eine Frau ungefähr in meinem Alter in einem Café am Marktplatz – ein sehr beliebter, da begrünter und kulinarisch einladender Ort. Es dauerte gar nicht lange, und wir fingen an, uns angeregt zu unterhalten. Als ich ihr meinen Namen sagte, Julia Müller, als Historikerin im Bildungscampus und an der Akademie für Klimaresilienz beschäftigt, musste sie herzlich lachen. Ihr Name sei ebenfalls Müller, Helene!

Helene Müller hatte wie so viele direkt nach der Schule die Stadt Malchin verlassen, um zu studieren und einen Briten geheiratet. Sie lebten viele Jahre in London und zogen später nach Hong Kong und in andere große Städte.

Vor einem Jahr zog es sie wieder in ihre Heimatstadt Malchin, zusammen mit ihrem Mann, da beide als Experten für regionale Kreislaufwirtschaft einerseits von Malchin lernen, aber andererseits auch ihre Erfahrungen teilen wollten. Beide waren im Gründer- und Resilienzzentrum der Akademie angestellt.

Wir kamen darauf, dass Helene Müller ein Jahr später als ich ihr Abitur gemacht hatte. Und sie konnte sich noch sehr gut an ein Interview mit ihrem Lieblingslehrer und damaligem Schuldirektor des Fritz-Greve-Gymnasiums aus diesem Sommer erinnern und erzählte mir folgende Geschichte:

Das Interview wurde damals von einer Studentin der Sommeruniversität geführt und schlummerte bis zum Jahresende 2015 auf dem Blog der Zukunftsstadt Malchin. In dem Interview ging es um die Zukunft von Malchin, also, ob die Stadt ein Ort sein wird, wo es die Menschen hin zieht. Der Schulleiter formulierte es unprätentiös. Malchin war im Jahr 2015 kein so ganz schöner Ort zum Leben. Die Arbeitslosigkeit war hoch, viele pendelten, in die Dörfer kam man nur mit dem Schulbus. Besonders charakteristisch war damals, dass es wenig kulturelles Leben in Malchin gab und die Menschen auch wenig zu gemeinsamen kulturellen Aktivitäten motiviert waren. Zudem haperte es schon an den einfachsten Dingen, wie Räumlichkeiten für Kulturveranstaltungen. Kurz vor Weihnachten erschien die Schlagzeile im Nordkurier, „Schulleiter rechnet mit der Stadt Malchin ab“.
Was hat das für Wellen geschlagen. Zuerst Empörung, dann wurde man nachdenklicher.

Ich bestätigte Helene Müller, dass dies ein wichtiger Impuls war. Die Malchiner machen sich nichts mehr vor, wenn es um Schwachstellen geht. Im Laufe der Jahre haben sie Kulturtechniken entwickelt, die sie dazu befähigen, offen, selbstkritisch und humorvoll Auseinandersetzungen mit der Stadt auszutragen. Und das Interessante war damals, dass eine Diskussion über Identität initiiert wurde, über die Besonderheiten Malchins, über mögliche Profilierungen und das vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen wie dem Klimawandel, Migration und Arbeitslosigkeit, um nur einige zu nennen!

Helene Müller wies mich auf einige Backpacker, die das Café betraten und bemerkte zufrieden, dass sie sich immer wieder freue, wenn Gäste aus anderen Gegenden und Nationen in unseren Ort kommen. Aber ich glaube nicht, dass nur der Tourismus allein Malchin zu dem Ort gemacht hat, der er heute ist. Die Touristen bringen Geld in schwache Regionen, klar. Aber zum Glück erlebte die Gegend hier nie den Massentourismus, denn der entfremdet eine Region eher, als dass er ihr wirklich hilft. Der Tourismus hier ist eher eine Art Individual- und Bildungstourismus. Die Menschen, die es hierher verschlägt, respektieren die Natur und die Menschen, die hier wohnen. Kultureller Austausch auf Augenhöhe findet statt. Und natürlich ergaben und ergeben sich auch Freundschaften.

So sinnierten wir über Malchin und wie es seit jenem denkwürdigen Jahr zu dem geworden ist, was es heute ist. Leider war meine Mittagspause dann aber vorbei und ich musste zurück in die Konferenz.

Moderator: Die „Malchiner Bürgermedienwolke“ – Nachfolger der Gruppe „Malchiner was geht ab“ hatte unlängst getwittert, dass die Besucherströme in unser Gründer- und Resilienzzentrum der Akademie für Klimaresilienz stetig zunehmen. Jetzt findet die Internationale Konferenz zu den Ankerstädten hier in Malchin statt. Sie haben das Zentrum mitaufgebaut. Können Sie erklären, was das Besondere daran ist, warum so viele Kommunen nach Malchin pilgern, um zu lernen, wie man den Klimafolgen gegenüber widerstandsfähig wird?

Prof. Julia Müller: Ich muss da ein klein wenig ausholen. Vor 15 Jahren sah sich die Welt mit einer der schwierigsten Herausforderungen seit menschlicher Geschichtsschreibung konfrontiert. Die globale Erwärmung, durch menschliche Aktivitäten auf ein nie dagewesenes Niveau gesteigert, zeigte so immense Folgen, dass jeder Mensch ihr gewahr wurde.

Heute wird 2015 auch als „das Jahr der globalen Maßnahmen“ bezeichnet. Der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2015 zielte auf die Einigung über eine globale Agenda zur nachhaltigen Entwicklung ab. Auf der Weltklimakonferenz in Paris wurde ein Klimaabkommen unterzeichnet, das die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2°C, möglichst 1,5°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau vorsah. Im gleichen Zeitraum mahnte der damalige Papst Franziskus die gesamte Menschheit zu mehr Aufmerksamkeit für die Risiken der Produktions- und Konsummuster und zu einer Änderung ihrer Lebensweise in seiner zweiten Enzyklika, laudatio si!

Das alles schwang in der Visionsphase des Wettbewerbs mit und wurde während des Vortrags von Dr. Harald Kegler mit dem Begriff „Resilienz“ beantwortet. Ich erinnere mich noch sehr genau an seine Ausführungen: Wir brauchen ein anderes Verständnis von Entwicklung. Entwicklung wird immer mit Wachstum gleichgesetzt. Resilienz setzt einen anderen Schwerpunkt. Resilienz heißt Handlungs-Spielräume schaffen, flexibel und gleichzeitig widerstandsfähig sein, um dadurch das Risiko schwerer Verwerfungen minimieren. Die Bürger übernahmen damals in der Diskussion diese Zielsetzung: Das beinhaltete die schrittweise Reanimierung und Pflege der historischen Stadtstrukturen, den achtsamen und pfleglichen Umgang mit den Stadträndern und die Inwertsetzung und Wertschätzung der naturnahen Flächen der Moor- und Seenlandschaft!
Auch die Diskussion mit Thorsten Permien über Ökosystemdienstleistungen eröffnete plötzlich Gestaltungsspielräume, wie z.B. die Idee, einen ökologischen Finanzausgleich zu etablieren. Und ich erinnere mich an die Diskussion mit Prof. Dr. Eberhard Göpel, der uns anregte, einen Fonds für kommunal-öffentliche Verantwortung für gesundheitliche Lebenswelten zu organisieren und ein kommunales Programm gegen Zivilisationskrankheiten aufzulegen. Das Malchiner Gymnasium und die Siegfried Marcus Schule machten sich stark für eine gastrosophische Mensa.

Moderator: Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung, da die Zuhörer ggf. nicht wissen, was eine gastrosophische Mensa ist?

Julia Müller: Das ist eine Mensa, in der alle Aspekte der Lebensmittelerzeugung, der Verarbeitung, der Vermarktung bis hin zum Konsum betrachtet werden. Von Bedeutung sind vor allem die Esskultur, ethische und soziologische Aspekte. Es manifestiert sich in der Autonomie und der Souveränität über Produktionsbedingungen der eigenen Ernährung. War das verständlich?

Moderator: Ja, Danke.

Julia Müller: Also, das Besondere der Akademie für Klimaresilienz ist, dass es damals gelang, all die genannten Aspekte wie Resilienz, Ökosystemdienstleistungen, gesundheitliche Lebenswelten unter der Ernährungswende zu fassen und diese in den Mittelpunkt zu stellen. Heute wissen wir, dass die Ernährungswende wesentlich umfassender, aber auch brisanter als die Energiewende war.

Die meisten Menschen starben nicht durch ansteckende Krankheiten, sondern weil sie sich zu wenig bewegten und falsch ernährten. Und Ernährungswende, das hieß auch eine Wende in der Landwirtschaft. Denn die Industrialisierung des Agrarbereichs stieß an seine Grenzen.

Die enormen Ertragssteigerungen gingen auf Kosten der Böden, immense Flächen erodierten, fruchtbarer Boden war für immer verloren gegangen. Wie konnte zukünftig genug Nahrung für zehn Milliarden Menschen erzeugt werden? Auch Mensch und Tier litten, durch Pestizideinsätze oder Antibiotika in der Tierzucht, Tiere besonders durch die Massentierhaltung. Industriell erzeugte Lebensmittel wurden von anderen Kontinenten in unsere Discounter eingeflogen, obgleich wir den Garten der Metropolen vor der Haustür hatten. Wir verdünnten mit einem der wertvollsten Lebensmittel, dem Wasser, wichtige Rohstoffe wie Urin und Kot. Wertvoller Dünger ging verloren.

Ein umfassendes Gesamtkonzept war also nötig. Das war unsere Ernährungswende, mit der wir 2017/18 begannen. Schritt für Schritt sammelten wir mit engagierten Land- und Tierwirten die ersten Erfahrungen mit dem Aufbau einer neuen, regenerativen Landwirtschaft, die hohe Qualität und weniger Masse – die damals auch noch weggeschmissen wurde – lokal und regional produzierte und vertrieb, schonend mit den begrenzten Ressourcen umging, einen großen Beitrag zur Klimaproblematik leisteten und die anstehende Ernährungskrise in den Griff bekam.

Moderator: War das nicht genial? 2016 sagte man: das ist verrückt.

Julia Müller Stimmt, aber wir hatten Mitstreiter: Mit Hilfe eines Moorbauerns etwa, ein engagierter Wärmeversorger, der damals schon Biomasse aus dem Niedermoor in thermische Energie umwandelte, wurde ein Teil der Biomasse entgast, das dabei entstehende Synthesegas als Strom, Wärme und Treibstoff genutzt. Aber, fast noch wichtiger, es wurde Pflanzenkohle produziert. Diese wurde mit indigenen Mikroorganismen versetzt und engagierte Bauern und die Malchiner Gartenbesitzer brachten sie als Speicher für Wasser, Nährstoffe und Mikroorganismen in den Boden ein. Dadurch konnte der Humusgehalt um jährlich 0,1% gesteigert werden und die sich anbahnende Ernährungskrise wurde handhabbar.

Durch den Entzug von Kohlenstoff aus dem Kohlenstoffkreislauf durch Humusaufbau wurden später im europäischen und globalen Maßstab Millionen Tonnen von CO2 gebunden. Die Klimafolgen blieben erst mal begrenzt, wenngleich wir heute noch genug Probleme mit überhitzten Großstädten, v.a. aber mit Extremwetterereignissen haben.

Der Bürgeracker im Zentrum Malchins zeigt in Miniatur die Funktionsweise des Modells der regenerativen Landnutzung, welches wir über die Jahre verfeinert haben.

Wir haben dann gemeinsam mit Wissenschaftlern begonnen, lokale Nährstoffbanken aus Schwarzerde aufzubauen und Humus als den bestimmenden Faktor für den Wohlstand unserer Stadt deklariert. Humus ist zum einen eine bedeutende Kohlenstoffsenke und zum anderen für eine hohe Bodenfruchtbarkeit unerlässlich, um eine ausreichende Ernährung der Menschheit gewährleisten 2020 wurde das sogar in das Wohlstandsmodell der Bundesrepublik aufgenommen.

Auf finanzielle Beine wurde das ganze durch ökologische Wertpapiere gestellt, die entweder auf den freien Kohlenstoffmärkten oder freiwilligen Biodiversitäts-Märkten gehandelt werden. Malchin und seine Umgebung wurden hierdurch zum Hotspot für Artenvielfalt und Kultur.

Aus der Ernährungswende wurden so die Grundlagen für die kommunale Gesundheitsvorsorge gelegt: Bernd Kleist aus Gessin organisierte regionale Produzenten mit einem ausgeklügelten Vertriebssystem, das lokale Wertschöpfungsketten auf Genossenschaftsbasis für ökologische Agrarprodukte und Lebensmittel bildete und Produkte mit größeren Gewinnen direkt und frisch auf den Märkten, aber auch ins weitere Umland vertrieb. Rica Düde Grandke schulte mit ihrer Organisation über den Gemeinschaftsgarten „Malchiner Bürgeracker“ vor allem junge Mütter und Väter in Ernährungsfragen und brachte ihnen das Gärtnern (wieder) bei. Auch die Schulen waren dabei, und erhielten Lebensmittel aus den städtischen Gärten, von Hobbygärtnern und den ökologischen Produzenten aus dem Umland für ihre Mensa.

Das war, wenn man so will, der eine Einstieg in die Geschichte mit der Zukunftsgestaltung von Malchin und seinen Dörfern.

Moderator: Hat denn die Gestaltung der Zukunft damals überhaupt jemanden interessiert? Wie wurde das Zukunftsthema lanciert?

Julia Müller: In den 2015 und 16er Jahren schaute man in Politik und öffentlichen Medien vor allem auf Prognosen und meinte, das wäre die Zukunft. Entsprechend wirkten pessimistische Studien Anfang 2016 frustrierend: Die eine prognostizierte einen weiteren Rückgang der Zahl der Haushalte um 18%, die andere bescheinigte dem Landkreis und Malchin ein sehr hohes Risikopotential in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. „Der Süden glänzt, der Osten bremst“ war der Titel, mit dem eigentlich das Urteil gefällt war. In dieser Atmosphäre machte sich Malchin an die Visionsarbeit „Wo, bitte schön, geht’s zur Zukunft“ – und siehe: In kurzer Zeit fragten die Bürger nicht mehr, wie die Zukunft wird, wenn man – mit den Prognosen – nur die Gegenwart in die Zukunft verlängert. In den Visionen, Ideen und Vorschläge wurde auch nicht immer nur erzählt, was Malchin einmal gewesen ist und deswegen in Zukunft auch sein müsse. Stattdessen erzählte sich Malchin, was es zukünftig sein möchte. Sie, die Bürger fragten und suchten nach Dingen, die von der Bürgergesellschaft, der Politik und Verwaltung und von der Wirtschaft zu machen wären, um eine wünschenswerte Zukunftsstadt zu gestalten. Diese sieht nicht nur schön aus und hat eine hochwertige Lebenskultur – sie ist zudem auch noch gebildet und qualifiziert, um große Veränderungen zu meistern.

Moderator: Gut, das verstehe ich, aber es muss doch bestimmt eine Art Anknüpfungspunkt gegeben haben. Man kann sich Zukunft ja so oder so vorstellen. Also, mir fallen da zwei Extreme ein, so eine Art emphatisches Naturverständnis, wie wir es heute haben, oder das damalige Business as usual.

Julia Müller: Ein Grundgedanke bestimmte schon damals die Visions-Arbeit: Wie sollen wir vor unseren Enkeln bestehen, wenn später einmal die Geschichte unserer Gegenwart erzählt wird? Werden sie uns als Menschen schätzen, die den Mut, die Einsicht und die Klugheit für die notwendige Veränderung der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft hatten? Oder als einen Haufen von Egoisten, die im bescheidenen Komfort ihrer Gegenwart weiterdösen wollten, in der Hoffnung, dass es wenigstens für die eigene Lebenszeit reicht?

Moderator: Das ist nun rückblickend, na sagen wir mal, klug, wenn auch brisant formuliert gewesen. Gab es denn einen roten Faden in den vielen Ideen und Vorschlägen?

Julia Müller: Die über 600 Vorschläge, Hinweise und Lebensentwürfe hatten in der überwiegenden Mehrheit den Anspruch, dass ihre Kommune mehr ist als Selbstverwaltung und Daseinsvorsorge: Malchin bestand darauf, im Zusammenleben auch Zusammenhalt, über Generationen hinweg, anzustreben. Als Basis einer Gegenbewegung gegen die Resignation der Prognosen. Ankerpunkte im ländlichen Raum, also Städte wie Malchin, sollten die problemlösenden Instanzen der Zukunft sein. Denn während Staatschefs verhandeln, müssen Bürgermeister handeln.

Übergeordnete und in die Zukunft leitende Werte waren damals für die Mehrheit:

Sinnstiftende und sinnvolle Arbeit zu haben und leisten zu wollen, in der Region gebraucht zu werden und damit anerkannt zu sein, für ein selbstbestimmtes Leben die Freiräume und Ressourcen (soziale Sicherungssysteme) zu haben ohne die Bindung und Verantwortung für Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft abzugeben. Das WIR-Gefühl und die Stärkung der Solidargemeinschaft waren extrem wichtig – ebenso das Wissen, das ein Großteil unserer Lebensqualität auf geteilten Gütern beruht. Im Stadtraum, aber auch im Alltagsleben sollte neben der Nützlichkeit und der Dauerhaftigkeit die Schönheit einen gleichrangigen Platz haben.

Vermögen war nicht übermäßig bedeutsam, weit wichtiger jedoch das Verantwortungsgefühl für die nächsten Generationen – auch wenn man nicht recht wusste, wie das in der globalen Welt und deren Krisen zu machen sei. Ressourcen musste man deshalb sparen und die Natur und Umwelt als Reichtum und Segen für unsere Lebensweise anerkennen. Kulturvoll stellte sich die Stadt den Veränderungen, die mit demographischem Wandel, Klimafolgen, Flüchtenden u.a. über sie kamen: mit Ehrfurcht vor Überlieferungen und Traditionen und zugleich mit Neugierde und Offenheit gegenüber den Chancen und guten Überraschungen, die in Veränderungen stecken.

Das waren der Rahmen und die Richtschnur, mit denen die Malchiner in die Beschreibung der Ziele und der konkreten Ideen und Gestaltungsvorschläge gingen.

Wenn ich von heute aus darauf schaue, so war das weitsichtig und z.T. gegen den Strich des damaligen Zeitgeistes gebürstet, der für den schnellsten Gewinn, das größte augenblickliche Schnäppchen und den persönlichen Vorteil stand. So viel weiter sind wir heute auch noch nicht – trotz der UN-Nachhaltigkeitsziele.

Moderator: Na, ein bisschen pathetisch hört sich das heute schon an. Aber es war ja auch die Zeit, in der Krisen sich gegenseitig ablösten und man nur schlecht mit Unsicherheit umgehen konnte. Die machte nämlich Angst. Können Sie sich noch erinnern, was für Ziele die Malchiner sich stellten?

Julia Müller: Oh – das waren schwere Geburten. Es ging ja nicht um einfache Sachen – wie etwa eine Straße zu bauen oder einen Brunnen! Wobei – mit dem Brunnen hatten die Malchiner schon ihren Berliner Flughafen.

Wir merkten damals, wie komplex unsere Lebensbereiche geworden waren. Ich erzähl mal einige Beispiele:

Malchin wollte Anker- und Knotenpunkt für die Ortsteile – also für die umliegenden Dörfer sein. Damals gewann die Diskussion um sogenannte Ankerstädte eine neue Dynamik. Die EU, aber auch der Bund förderten solche als Anker bezeichneten Städte als Leuchttürme der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie sollten im Zentrale-Orte-System (das hieß damals noch so) eine herausgehobene Position einnehmen und Wachstum voranbringen. Andererseits haben einige Länder Städte zu Ankern in der Kulturlandschaft erhoben, die wegen ihrer Kulturgeschichte herausragende Bedeutung besitzen. Daran knüpften wir an.
Wir wandelten also diesen Ansatz in Anker für eine Klimaresilienz.

Aber wie formuliert man das, wenn man integrieren will, aber nicht vereinnahmen, wenn die Dörfer ihr eigenes Gesicht und ihre Besonderheiten erhalten und pflegen sollen und man sich trotzdem zusammengehörig fühlen will und miteinander die Probleme wuppt. Es war der Aufbau einer Beziehungslandschaft zwischen der Stadt, die Stadt sein will, die ein belebtes Stadtzentrum mit Einzelhandel, Cafés, Kultur und Restaurants, öffentlichen Trefforten, Dienstleistungen mit kundenfreundlichen Öffnungszeiten hat, und den Dörfern, die ihre eigene Identität haben und im Namen erhalten wollten.

Oder

Malchin organisierte sich eine flexible Daseinsvorsorge. Da war die Frage, ob in der Stadt und in seinen Dörfern überall die gleichen, von Schwerin, Berlin oder Brüssel definierten Standards der Vorsorge für jeden Bürger und jede Bürgerin in gleicher Weise gelten müssen. Egal ob jung oder alt, Nachtschwärmer oder Frühaufsteher, Biker oder Wasserwanderer. Ist es nicht eher so, dass der eine Bürger auf die eine Weise und die andere Bürgerin auf eine andere Weise Unterstützung braucht? Schwer war aber auch die Feststellung, was alles unter Daseinsvorsorge fällt und wer über den flexiblen Umgang entscheidet.
Denn es gab berechtigtes Misstrauen, dass so ein Vorhaben genutzt werden könnte, um staatliche Mittel einzusparen.

Oder

Malchin würde absehbar mehr Ressourcen aufbringen, als die Bürger*innen der Stadt für sich beanspruchen. Gemeint war damit, dass Malchin regenerative Energien (Strom und Wärme) in einem Mix aus Wind-, Solar- und Energie aus Biomasse in größerem Umfang produzieren sollte, als die Region selbst benötigte. Das Gleiche traf auf Bodenfruchtbarkeit, auf ökologische Dienstleistungen und auf die Wieder-In-Wert-Setzung von Abfallstoffen zu. Und wem und wie sollte der erzielte Mehrertrag zu Gute kommen?

Oder

Malchin ist eine Stadt, die sich beansprucht. Diese etwas kryptische Beschreibung richtete sich gegen falsche Bequemlichkeit: wenig Bewegung für Körper, Geist und Kultur. Sie zielte auf Beanspruchung durch Sport und Bewegung, auf geistige Auseinandersetzung, Bildung und Kreativität und auf den Anspruch auf Kultur, gemeinsame Feste und öffentliche Treffpunkte. Da gab es noch so einen seltsamen Begriff: Malchin wollte resilient werden. Das bedeutete nichts anderes, als dass die Stadt, ihre Einrichtungen aber auch ihre Bürger sich fit machten, sich auch radikalen Veränderungen anzupassen, gegenüber Risiken widerständig zu sein und sich nach Störungen (wie den Folgen von Unwettern z.B.) schnell wiederherstellen zu können. Können Sie sich die Mühen der Ebenen vorstellen?

Und schlussendlich:

Malchin wollte Zuzug, von jungen Familien, von Absolventen umliegender Hochschulen, Unternehmensgründern in Handwerk und digitalem Service, von Senioren mit Esprit, von Facharbeitern mit dem Fabel für Kleinstadtgefühle und wollte Lust fürs Bleiben – bei Jungen, Reifen und Alten. Und geflüchtete Menschen, die damals nach Malchin kamen, wollten erstmal gehalten werden.

Das Ministerium, das Malchin vielleicht bei der Umsetzung der Vision fördern wollte, fand dafür den Begriff „Reallabor“ putzig. So redet kein Mensch, sagte damals auch der Mann vom Nordkurier. Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Dennoch war der Begriff nach einer Eingewöhnungszeit wiederum nicht schlecht, er sagte nämlich: Wenn wir lernen wollen, wie wir Malchin in die gewünschte Richtung und zu der erwarteten Lebensqualität bringen wollen, dann sollten wir nicht auf Rezepte von Wissenschaftler*innen oder Politiker*innen warten. Wir sollten mit nachdenklichen Experten und Wissenschaftler*innen zusammen erproben wie es geht und daraus lernen. Reallabor ist also eine gleiche Augenhöhe von Fachexperten und Erfahrungsexperten – beide können sich was sagen.

Malchin hatte in 2017 angefangen, eine spezielle Jugend- und Familienpolitik zu verfolgen – steuerliche Vergünstigungen, kommunale Zuschüsse waren das Eine.

Ein breites „lebenslanges“ Bildungsangebot, eine regionale Bildungslandschaft das Zweite und vielfältige, auch sehr verschiedene Wohnungsangebote in unterschiedlichen Preisklassen und Kombinationen (Schülerwohnen, Mehrgenerationen-Quartiere, Wohn-Arbeit-Einheiten für Start-Ups u.a.) das Dritte. Und das Vierte war – bei mancher Skepsis – der mutige Ausbau der Breitband-Infrastruktur.

Durch Regionalisierung der Nahrungsmittelversorgung, Pflege und Erneuerung von kommunalem und gemeinschaftlichem Wohnungsbestand, durch regionale Strom- und Wärmeerzeugung hatte es Malchin geschafft, die Lebenshaltungskosten erschwinglich zu halten und dadurch Anreiz für Zuzug zu bieten und Altersarmut zu verhindern. Wenn die Rentner in München 1300 Euro aufbringen mussten, brauchten die Malchiner für die gleichen Leistungen nur etwa 890 Euro. Wir haben in den Jahren danach die Kaufkraft noch weiter gestärkt.

Moderator: Das ist beeindruckend. Dennoch – entschuldigen Sie – kommt mir der Begriff in den Sinn: Waren Sie übermütig geworden? Sie, die Malchiner, hatten sich ja gerade einen neuen Bürgermeister zugelegt! Meinten Sie, der stemmt das? So allein?

Julia Müller: Oh ja. Die Stadtkassen waren leer, die Unternehmer hatten gerade Blumenzwiebeln gespendet, um in der Stadt einen Hauch von „Tulpen oder Rosenstadt“ zu verbreiten. Das hatte der Bürgermeister eingerührt. Aber bei dem, was wir vorhatten, brauchten wir eine Art Bewegung. Wir brauchten Unterstützung aus der Region. Das Energiedorf-Coaching zwei, drei Jahre vorher hatte in MV gezeigt, wie das aussehen kann. Damals hatten sich über 200 Kommunen zusammengetan, um regenerative Energien in ihren Gemeinden einzusetzen. Diese Erfahrungen wollten wir aufnehmen und da es im Land die Diskussion um eine IBA (Internationale Bauausstellung) gab, schrieb der Bürgermeister am Tag der Bürgerversammlung, am 02.06.2016, zwei Briefe:

Der erste Brief ging an den Ministerpräsidenten und an die Architektenkammer und schlug vor, eine IBA zu initiieren, die sich der Daseinsvorsorge und der Handlungsfähigkeit von kleinen Städten unter den Bedingungen des demografischen Wandels, der Klimafolgen usw. zuwendet. Die IBA sollte das Leitbild, unsere Fragestellung nach „Gutem Leben“, das schon Gegenstand der Visionsarbeit war, fortführen. Die These war, dass „Gutes Leben“ zukünftig nur möglich ist, wenn die Stadt mit ihren Dörfern und ihren Bewohnerinnen und Bewohner die Fähigkeit entwickelt haben werden, mit den sich abzeichnenden unmittelbaren Folgen des Klimawandels und den damit zusammenhängenden Konsequenzen in sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen proaktiv, also nicht nur nachsorgend und sich anpassend, umzugehen. Der Schlüssel dafür hieß – für uns in Malchin, mittlerweile ein Allgemeinplatz – RESILIENZ. Das bedingte neue Anforderungen an Bildung, an Verknüpfung von lokaler Entwicklung als Change Making mit globalen Prozessen im wirtschaftlichen (Industrie 4.0) und sozialen Bereich (Migration). Über eine IBA, die wesentliche, relevante Merkmale kommunaler Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit thematisiert, könnte Malchin Rückendeckung von und Schulterschluss mit den Entwicklungen des Landes bekommen, wie z.B. die Frage nach den Flexibilisierungen der Standards für die ländlichen Räume. Wir bezweckten damals sehr naiv, dass wir neue Ressourcen urbar machen konnten und dass wir für unsere Anstrengungen auch den Ratschlag von Freunden, den Schutz vor Anfeindungen und Neid und eine öffentliche Diskussion über das Treiben in Malchin bekamen. Im Grunde ging unsere Überlegung auf. Das Land beschloss, die IBA wie vom Bürgermeister vorgeschlagen, thematisch zu verorten und bestimmte Malchin zu einem der wesentlichen Reallabore und zu dem Ort, an dem das Wissen über die Veränderungsprozesse gesammelt und für (kleine) Städte im ländlichen Raum im Norden Deutschlands erschlossen wird.

Der zweite Brief des Bürgermeisters ging an die UNO, an die Klimakonventionsgruppe. Er lud dazu ein, im Jahr 2030 – also jetzt – eine internationale Konferenz zu „Anker-Städten in ländlichen Räumen“ in Malchin und seinen Korrespondenzstandorten stattfinden zu lassen. Da sollten die Ergebnisse der IBA international vorgestellt werden.

Der Umstand, dass wir jetzt hier – während der Konferenz – das Interview führen, zeigt, dass unsere Idee von 2016, die wirklich gewagt war, Erfolg hatte.

Wir waren sehr frech damals – Ich entsinne mich an eine Beratung in der Werkstatt „Jugend und Zukunft“, wo gesittete und wohlerzogene Erwachsene den Jugendlichen der Stadt empfahlen, doch endlich leere Häuser für gute Zwecke zu besetzen. – Das war nur eine Metapher:

Aber dahinter steckte die generelle Aufforderung uns zu fragen: Was müssen wir anders machen, um gut in die Zukunft zu kommen? Was können wir anders machen und welche Ressourcen stehen uns dafür zur Verfügung? Und vielleicht die schwierigste Frage: Was wollen wir eigentlich anders machen? Und was eben gerade auch nicht?

Moderator: Hatten Sie etwas Konkretes vor? Eine Revolte, Provokation…

Julia Müller: In Malchin? Sie träumen. Zu Anfang war das eher ein Frühlingserwachen. Die Bürger, die verschiedenen Interessengruppen, Vereine und Initiativen, selbst die Parteien merkten: hier ist frische Luft! – Aber was machen wir mit frischer Luft? Es hagelte erst einmal viel Kritik an dem, was war und es kam viel Zweifel auf, ob das mit der Vision was wird. Aber dann kamen nach und nach Vorschläge, z.B. zum zentralen Platz Malchins, zwischen Kirche und Kino. Die Vorschläge: Ein Treffpunkt und Spielplatz mit Bürgeracker und Stadtgarten, Cafés, richtigen Parkbänken mit Rückenlehnen, und mit dem berühmten Springbrunnen. Der Platz sollte nur sparsam bebaut werden und so gestaltet sein, dass Kinder dort spielen, Eltern gelassen ihren Kaffee auf einer der Terrassen nehmen konnten, Senioren sich dazu setzten und Jugendliche ihren Bolzplatz hatten. Ein kulturelles Zentrum einrichten. Es gab zudem die Vorstellung, dass man sich hier auch zu Beratungen über Entwicklungsfragen der Stadt, über die Verwendung des Budgets und über die Erschließung neuer Einnahmequellen trifft, um über das Einsammeln von Geldern für konkrete Projekte – betreute Spielplätze z.B. zu beraten. Organisiert und kontrolliert werden sollte das durch die zu gründende Bürgerstiftung Malchin, die zudem auch noch Kompetenzen zu erwerben hatte, um Förderprogramme von Bund und Europäischer Union für die Malchiner Entwicklungen nutzbar zu machen.

Und es gab neben diesen noch viele viele weitere Ideen, die dann schrittweise geprüft und umgesetzt wurden:

Ich hatte es ganz am Anfang unseres Interviews erwähnt, dass wir – zusammen mit dem Ministerium – ökologische Wertpapiere auflegen, wie z.B. die Waldaktien, Moorzertifikate, Goldzertifikate für Humus-Aufbau und Genussscheine für Obstwiesen, nicht nur um klimaresistente Wälder und klimaschützende Moornutzung aufzubauen (z.B. wurden Schwarznuss- und Walnusswälder angelegt), sondern auch Gelder in die Kasse der Kommune zu bekommen, die für Bildung eingesetzt werden konnten.

Eine weitere besondere Neuerung, die ihre Geburtsstunde ebenfalls auf dem Malchiner Platz hatte und die wir nun seit ein paar Jahren haben, war die Idee eines ökologischen Finanzausgleichs und der Handel mit Flächenzertifikaten: Wollten die Stadtväter von München oder Hamburg weiter bauen, so mussten sie Ausgleichsflächen ausweisen. Wir in Malchin hatten und haben gut geschützte und gepflegte Naturräume mit hoher Artenvielfalt und mit hoher Leistungskraft. Diese konnten wir nun den Großstädtern verpachten.

Und dann, unter dem Slogan „Herr im eigenen Haus“, fingen wir an, die regionalen Ressourcen verstärkt selbst zu nutzen: Strom und Wärme machten wir selbst – aus unserer Sonne, unserem Wind und unseren Grünschnitt-Abfällen. Das Geld dafür blieb in der Region und floss nicht den großen Energie-Riesen zu.

Auch mit Abfallstoffen und gebrauchten Gütern gingen wir ressourcenbewusster um. Entweder wurden sie wieder nutzbar gemacht oder bekamen andere Nutzungsformen. Es entstanden dazu Reparatur-Cafés: Handwerkerbuden mit jungen Hochschulabsolventen, die Smart-Phones und andere elektronische Geräte immer wieder reparierten, die aus alten Industriegebäuden oder auch lang genutzten, abgewirtschafteten Einfamilienhäusern neue Wohnangebote machten. Und das, was nicht mehr zu reparieren war, wurde in seine Einzelteile zerlegt und wertvolle Materialien wie seltene Erden gesammelt. Es entstand da sogar ein neuer Begriff, nämlich „städtischer Bergbau – urban mining“, für die Wiedergewinnung von Rohstoffen. Das war etwas ganz anderes und viel komplexer als das System der Gelben Säcke. Neue Berufe bildeten sich.

Moderator: Das alles machten Sie vom Spielplatz aus?

Julia Müller: Ja und Nein. Mit Ja meine ich, dass diese verschiedenen Vorhaben zwischen den Bürgern Malchins beredet wurden, beim Kaffee, in Bürgerversammlungen im kulturellen Zentrum – wo sich Stadtbibliothek, Club-Café und Musiziersaal als Wohnzimmer Malchins etablierten.

Wir hatten einen Zukunftsrat eingerichtet, der mit der Bürgerstiftung und dem Jugendparlament zusammen arbeitete und der darauf achten sollte, welche Folgen unser gut gemeintes Tun denn für die nächsten Generationen hat. Das wurde öffentlich besprochen – und die unterschiedlichen Standpunkte und Interessen ausgehandelt – teilweise auch kontrovers, wie es sich für den Mecklenburger gehört. Die Ergebnisse gingen dann in die Gesprächsrunden des Bürgermeisters und in das Stadtparlament.

Moderator: Nun wissen wir ja, dass die Malchiner Lebensexperten sind. Früher wussten sie in besonderer Weise, was alles nicht geht. Aber bei dem, was Sie vorhatten – woher nahmen Sie das Wissen, die Expertise?

Julia Müller: Das war ein Prozess mit überraschenden Wendungen. Wir hatten eine kleine Grundlage in der Internationalen Sommeruniversität in Karnitz, – die ich ganz am Anfang unseres Interviews erwähnte – zu der jedes Jahr 50 bis 60 junge internationale Fachleute kamen, die zur Entwicklung von Malchin und seiner Region Vorschläge machten und gute Beispiele aus verschiedenen Ecken der Welt vorstellten. Auf dieser Tradition aufbauend, hatten wir damit begonnen, Studierende und Experten von befreundeten Hochschulen zu Wettbewerben einzuladen: Zur Gestaltung des zentralen Platzes, zur Nutzung und Ausgestaltung des kulturellen Zentrums, zur Neuausrichtung des RAW-Geländes usw. Und die Hochschulen und andere überregionale Einrichtungen machten dann in der Planungsphase mit Malchin einen Vertrag, in dem sie sich bereit erklärten, eine praktizierende Akademie für die Umgestaltung Malchins zu betreiben.

So entstand eine Art Trias, die auf die Ideen der Bürgerinnen und Bürger der Stadt zurück ging: ein Bildungscampus, ein Gründerzentrum und dann die Akademie. Letztere war uns besonders wichtig. Hier konnten und mussten wir Neuland betreten, denn wir sahen einen Bedarf an einer Wissenstransferstelle für Bereitstellung anwendungsorientierten Wissens zur urbanen Klimaresilienz, aber auch an einem Wissensspeicher (vom internationalen bis zum lokalen Wissen zur Resilienzfrage), an einem Wissensarchiv zu Erfahrungen und Erkenntnissen zu resilienzrelevanten Themen und schließlich sollte hier auch die Fortbildung für kommunale Klimaresilienz aufgebaut werden. Das wurde im Laufe der Zeit etwas anders, weil die IBA – dazu komme ich noch – dann eine neue Dynamik in den Prozess brachte und die Aufgaben sich in Richtung internationaler Transfer- und Forschungsakademie nach dem Vorbild des Stockholm Resilience Centre wandelte. Das tat dem gesamten Vorhaben sehr gut.

Diese Akademie für Klimaresilienz, über deren Namen lange debattiert wurde – manchmal sagten wir Dorfuni dazu – wurde zum Kern der ersten Schritte, denn sie hatte die klare Aufgabe, für Malchin und für die Kleinstädte von MV vor allem Wissen zu Stadtumbau, Klimaresilienz, digitale Dienstleistungen, Ressourceneffizienz, Bildungslandschaft, regenerative Landwirtschaft usw. zusammen zu tragen und passend aufzubereiten. Es galt auch, diese Erfahrungen über Bildungsveranstaltungen, Workshops und Experimente in der Stadt zu diskutieren und zu bewerten. Das eigene Wissen und die eigenen Erfahrungen – z.B. des Moorbauern, der Wohnungsgesellschaften, des Kulturstammtisches, der Bürgerstiftung wurden dokumentiert. Letzendlich war/ist es auch Aufgabe der Akademie, konkrete Vorschläge für die Gestaltungsvorhaben wie z.B. einer regionalen Mobilitätsstruktur oder neuer städtischer Wirtschaftsbereiche oder neuer Formen des Einzelhandels und der Logistik zu machen.

Malchin selbst hatte ja keine wissenschaftlichen Einrichtungen, die den Entscheidern und Bürgern zur Seite stehen konnten. Mit der Akademie wurde ein Experiment gewagt: nämlich die Bündelung von Wissenschaft, Expertenwissen und Erfahrungswissen in einer Einrichtung.

Und jetzt kam ein besonderer Knüller:

Wir haben eine Idee der Architektenkammer des Landes aufgegriffen und – abgestimmt natürlich – für Malchin angewandt: eine Internationale Bauausstellung zu initiieren. Damit sollte die Idee, Malchin als Ankerort zu entwickeln, nicht nur umgesetzt werden, sondern auch noch ausstrahlen – ein wirklicher Leuchtturm. Wir wollten aber keine Show, sondern nachhaltige Entwicklung. Deswegen haben wir das Instrument IBA sofort an die Akademie und an die bürgerschaftlichen Interessengruppen sowie an die wissenschaftliche Fachwelt gekoppelt. Das war ein guter Griff. Es hat natürlich noch gedauert, ehe diese Idee fruchtete, aber durch den Wettbewerb Zukunftsstadt ist das Ganze natürlich sehr befördert und inhaltlich gelenkt worden.

Der IBA gingen vor allem die Initiativen in Malchin voraus, allen voran der Startschuss mit dem Bildungscampus. Dann entschied sich die Stadt, das alte Bahngelände mit dem ehemaligen Reparaturwerk (RAW) zu übernehmen – das war ein Treffer! Wir konnten hier einen Raum gewinnen für Experimente, für ein Tätigwerden in dem langsam anlaufenden Gründerzentrum und dann kam unsere Akademie, die ja heute der Ausrichter der Konferenz ist.

Moderator: Es ging also mit dem Campus los?

Julia Müller: Ja, wir richteten einen Bildungscampus ein. Der sollte einmal für die Schulen Werkstätten und Lernräume eröffnen, in denen polytechnische Erfahrungen gesammelt und die ersten digitalen Lernprojekte initiiert wurden, wo kulturelle Projekte stattfinden, wo im breiten Umfang Schulgärten beackert und die Nahrungsmittel in eigener Küche für die Kantinen der Schulen und des betreuten Wohnens verarbeitet werden. Dies alles als Ergänzung zu den guten Angeboten der Schulen, zu der auch die berufliche Ausbildung zählt und als eine praktische Form von Berufs- und Studienberatung.

Der Bildungscampus schuf auch die Möglichkeiten, den zweiten Bildungsweg für junge Menschen in der Region aufzuschließen – auch um den Entscheidungsdruck für Schüler –Gymnasium ja oder nein – zu reduzieren.

Dieser Bildungscampus wurde zum Nucleus einer regionalen Bildungslandschaft, die alle Bildungsträger, Lernorte – wie Schulen, Bibliothek, Museen, Kulturvereine und Umweltbildungszentren – vernetzt, die Bildungsangebote auch für Weiterbildungen transparent macht, Bildungsberatung anbietet und verschiedene Formen des offenen, Blended Learning einführt. Auch das war ein Experiment. Und dann führten wir beide Experimente, den Bildungscampus mit Projekten der Akademie zusammen. Studierende verschiedener Hochschulen trafen auf die Schüler*innen mit zukunftsweisenden Lerninhalten und neuen Berufsbildern.

Moderator: Ist aus so viel Bildung was geworden?

Julia Müller: Nicht alles wurde etwas, und dann auch anders: Wir hatten z.B. eine reine digitale Schule geplant – doch das floppte. Die Schüler weigerten sich, allein zu Haus zu lernen, wo doch der Austausch in der Lerngruppe und in den realen Projekten in der Stadt und Region viel spannender und ertragreicher ist.

Dagegen weitete sich die Akademie zu einer „Lernstätte für Zukunftsstädte“ aus. Die Zahl der Studierenden und der internationalen Experten und Kommunalpolitiker, die sich für die Studienangeboten einschreiben, wächst immer noch. Dadurch ist es auch dazu gekommen, dass Malchin zu einem Konferenz- und Veranstaltungsort geworden ist – mit dem schönen Nebeneffekt, dass sich die Zahl höherwertiger Restaurants und Cafés erhöhte und es eine Fülle von kultur- und bildungstouristischen Erlebnisangeboten in der Region gibt, in denen Waldaktien, Moorbewirtschaftung, klimabewusstes Bauen besucht und vorgestellt und mit dem Reichtum der Natur- und Kulturlandschaft der Mecklenburgischen Schweiz verbunden werden. Malchin und vor allem Remplin entwickelten sich zeitgleich zu einem kulturellen und Biodiversitäts-Hotspot mit Musiksommer und Festival.

Moderator: Ach, deshalb flanieren hier neben den drögen Konferenzbesuchern so viele Sommerfrischler.

Julia Müller: Apropos flanieren: Ich erinnere mich, dass wir 2015 die Visionsarbeit mit einem inszenierten Spaziergang durch „Malchin im Jahre 2030“ begannen. Das war damals noch nicht der größte Treffer – in der Wallanlage liefen Hühner und andere Tiere herum –, aber diese Methode des Sehens half schon, andere Perspektiven einzunehmen.

So kamen wir nämlich auch darauf, den Bildungscampus für junge Absolventen zu öffnen. Schon 2017 hatten wir begonnen, Praktikumsplätze für Studierende und Auszubildende verschiedener Studien- und Ausbildungsrichtungen auszuschreiben. In besonderer Weise sprachen wir Jobs in der Digitalbranche und handwerkliche sowie landwirtschaftliche Fähigkeiten an. Die Stadt hat dann im Bildungscampus ein Gründerzentrum eingerichtet: Schlicht ausgestattete Räume, die Absolventen für eine bestimmte Zeit kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Die Absolventen konnten Mentoren nach Rat fragen: z.B. Malchiner Senioren, die vormals ein Unternehmen geleitet hatten zu Fragen der Betriebsführung; oder Wissenschaftler und Handwerker, die sich in der digitalisierten Arbeitswelt bzw. im klimagerechten Bauen, in der Rekonstruktion von alten Wohnanlagen, in der Betreuung regenerativer Energiesysteme und regenerativer landwirtschaftlicher Erzeugung auskannten. Das organisierte die Akademie. Diese Start-Ups mussten dafür eine gewisse Stundenzahl für die Schüler und Jugendlichen aufbringen.

Wir hatten den Campus auf dem früheren RAW-Gelände errichtet. Eine der Hallen war die sogenannte „Markthalle“, wo stationär, teils in Gemeinschaftsständen, die ganze Palette regionaler Erzeugnisse – von Humus bis hin zu Kunst – zum Verkauf angeboten wurde. Dieser Markt wurde zum Treffpunkt der Region und die Besucher und Kunden sahen, was da im Campus gemacht wurde und erzählten es weiter. Sie sahen z.B. das Vorhaben, die reale Markthalle und ihre Angebote mit einem Online-Shop zu verknüpfen und ein regionales Vertriebssystem zu organisieren.

Die Erfahrungen mit dem Online Handel und dem regionalen Vertriebssystem wurden dann zu den Einzelhandelsgeschäften der Steinstraße und des Marktes gebracht und führten dazu, dass sich die wirtschaftliche Lage der Einzelhändler verbesserte.

Für die Schüler aus den unterschiedlichen Schulen wurde der Prototyp eines innerstädtischen, autonomen Transportsystems entwickelt und umgesetzt, mit dem sie schnell zum Bildungscampus kamen. Es stand allen aber auch allen anderen Malchinern offen. An diesem Prototypen wurde längere Zeit erprobt, ob und in welchen Varianten es für den Verkehr von Stadt und zu den Ortsteilen und umgekehrt übertragbar wäre. Wir kamen erst später zu einem gut funktionierenden Mix aus Dorftaxi, E-Rad und E-Auto, autonom-fahrendem Auto für die Älteren, Wassertaxi, Bus und Bahn mit dem gleichzeitig der „kleine Güterverkehr“ – also die Auslieferung der online-shop-Pakete aber auch größere private Einkäufe – erledigt wurde. Mit diesem digital-gestützten Verkehrssystem, das anzeigte, wo sich freie Mitfahrgelegenheiten befanden, ist es nun ein leichtes, zwischen den Dörfern und Malchin zu pendeln. Man kam sich näher, traf sich in der Fischerei in Salem oder im Ausstellungsgarten von Sabine Naumann und Günter Kaden in Wendischhagen. – Übrigens wurde Koesters Eck und das Wassertaxisystem mit dem Bahnhof verbunden. Die Überlandschiffe bringen Gäste von der Ostsee, die weiter mit der Bahn nach Güstrow fuhren. Und übrigens wurde 2025 die Innenstadt autofrei und die Bürger aus den Dörfern können dennoch bis zum Zentrum fahren. Das Parken ist unter der Erde oder auf den Dächern der zentralen Einkaufsflächen möglich.

Moderator: Der Bildungscampus und die Akademie machten also aus Malchin ein Labor und probierten was geht und was nicht geht?

Julia Müller: Na, vorher dachten die Start-Ups und die Experten schon noch nach. Was aber wichtig war und weshalb diese Methode so hilfreich ist, war nicht in erster Linie die Frage, funktioniert das technisch.
Es war eher die Frage: Wollen die Bürger das nutzen, ist es bei der Bedienung verständlich, erleichtert es das Leben oder nicht? Löst das, was wir machen, ein Problem oder verschiebt es das nur? Wenn man so will, wurden die Bürger zu „Wissenschaftlern“, sie forschten mit.

Ein Beispiel dazu: Bisher hatten wir vor allem Fragen zu einzelnen Themen zu lösen gehabt: Verkehr, zentraler Platz usw. Aber dann stand die Überschrift da: „Zukunftsstadt“!
Das bedeutete Bauen, aber Bauen in einem sehr komplexen Sinn. Es ging um Energie- und Ressourceneffizienz, also Einsparung und energetische Gebäudesanierung und um Energieproduktion auf Dächern und an Fassaden. Zugleich musste zur Vorsorge gegenüber Hitzeinseln der Umbau der Stadtstruktur angedacht werden, also Wasser und Grünes in die Stadt, die Infrastruktur auf Extremwetter wie Starkregen, Dürre-, Kälte-, Schneeperioden vorbereitet werden, sensible Einrichtungen der Lebensmittelproduktion und des Trinkwassers kontrolliert werden. Auf der anderen Seite waren altersgerechte Infrastrukturen und Wohnangebote zu entwickeln, was bedeutete, in der Stadt sehr vielfältige Angebote für die verschiedenen Altersgruppen und ihr Zusammenleben flexibel vorzuhalten und sogenannte Assistenzsysteme für die Älteren einzuplanen.

Hinzu kam, die wichtige Ankerfunktionen für die Dörfer zu sichern, öffentliche Räume zu erhalten und für dauerhafte Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger einzurichten sowie die Gesundheitsvorsorge auch für die Dörfer abzusichern und das Wohnen und Arbeiten räumlich und energetisch zu vernetzen. Sehen Sie, wie komplex das war?

Und das musste alles zusammengedacht werden. Die Gefahr war riesig, Fehler zu begehen, wenn damit Stadtplaner allein gelassen werden. Wir haben, nachdem wir uns bei leichteren Themen zusammengerauft hatten und wussten, wie die einzelnen Bürger*innen aber auch Wissenschaftler*innen so ticken, ein richtiges Labor aus der Aufgabe gemacht. 2018 begannen wir mit der Zukunftsstadt: die Bürger in ihren Rollen als Bürger, als Elternteil, als Kultursuchender, als Genießer, als Sportfan, als Arbeitender usw., die Experten der Verwaltungen und der Wirtschaft, die Wissenschaftler. Ein Teil der Letzteren zog nach Malchin – was verschiedene Gründe hatte. Wir erproben zusammen einzelne Puzzel-Teile dieses Umbaus, gehen auch wieder einen Schritt zurück, wenn etwas nicht passt.

Passend ist es, wenn das, worin wir leben – die bauliche Stadt und die Spielregeln unseres Zusammenlebens – und wie wir leben, mit welchen Festen und welcher Bürokratie, „Gutes Leben“ genannt werden kann. Das aber entscheidet die Bürgerschaft.

Julia Müller: Darf ich Ihnen als Radiomann auch eine Frage stellen?

Moderator: Ja – warum nicht – die Frage kommt aber selten.

Julia Müller: Wir haben im Interview dicke Bretter gebohrt. Das ging ja schon mit dem Klimawandel los. Wie vermitteln Sie das eigentlich Ihren Hörern? Oder lassen sie diese mit meinen Erzählungen im Regen stehen?

Moderator: – Jahhmm – ich denke, da ich das Interview führe, muss ich auf Ihre Frage nicht eingehen. Was machen Sie denn jetzt noch, wo die Konferenz bald vorbei ist?

Julia Müller: Ich treffe mich mit dem Bürgermeister von Malchin. Mit Axel Müller.

 

DAS AUTO von Siegfried Marcus

Die Geburt der revolutionären Automobilisierung aus dem Geiste des Malchiner Schlossers Siegfried Marcus

Ein Text von Kevin Rittberger

Zur Zeit der europaweit isolierten Pariser Commune von 1871 feilt der Mechaniker Siegfried Marcus aus Malchin, Mecklenburg, an der Automobilisierung der Menschheit. Die Erfindung der Automobilisierung ist zugleich die Erfindung der Karbonisierung der Luft, wofür Marcus 1865 sein erstes Privileg erteilt bekommt. Wie lange würde es nun noch dauern, bis das erste Auto in Serie ginge, wie lange, bis es für jeden erschwinglich wäre?  Warum würde sich hinterher keiner mehr an den ersten Dampfbus aus London erinnern, den „puffenden Teufel“ von 1830, Stunde Null des öffentlichen Nahverkehrs?

Weiterlesen

Silke Schulz, 46 Jahre (Radiomacherin, Malchin)

„Ich bin froh, dass wir hier aufm Dorf wohnen. Bei uns kommt ja immer alles 25 Jahre später. Noch haben wir hier ein bisschen heile Welt.“

5_Silke_Schulz

„Ich gehöre mit zu den in der Statistik auftauchenden allein erziehenden Müttern und die sind dann immer irgendwo am Ende der Nahrungskette.“ So empfindet es Silke als Mutter von zwei Söhnen. Und dennoch engagiert sie sich vielfältig für andere und für die Stadt Malchin und sagt: „Aber wenn man sich das Gesamtpaket anschaut, dann habe ich`s ja nicht schlecht. Ich wohne in einem Haus, hab einen Garten, hab einen Hund, hab einen guten Job,  Auto fahre ich auch. Was braucht man noch zum Glücklich Sein. Freunde, alles hier.“

Silke wurde in Malchin geboren und lebt mittlerweile, 46 Jahre später, wieder in ihrem Elternhaus. Der Wunsch, woanders zu leben und wegen der großen Liebe Malchin zu verlassen, flammte nur kurz auf. „Ich muss meinen Kirchturm sehen… Das ist so!“

Im Kino von Malchin ist sie groß geworden. Ihr Vater war der Leiter und sie geht bis heute noch sehr gern dorthin. Es macht sie stolz, dass Malchin, als einzige Stadt in der Umgebung, noch immer ein Kino hat.

Als die Mauer fiel, war Silke Anfang 20. „Ich hatte schon Hoffnungen, Träume und Wünsche. Aber erfüllt hat sich gar nix davon.“ In Aschersleben studierte sie BWL. Danach hat sie Schwierigkeiten, in Malchin einen festen Job zu finden.

„Ich hab zwar `nen tollen Job, aber kann davon nicht leben.“ Silkes Arbeitsplatz beim Offenen Kanal „Studio Malchin“ ist keine feste Stelle und sie muss deswegen über das Arbeitsamt aufstocken. Das Bürgerradio wird über Projekte von Vereinen und Verbänden getragen. Es steht allen Einwohnern offen und bietet ihnen die Möglichkeit, Radiosendungen selbst zu gestalten, ihre Meinung zu äußern. Silke informiert immer Freitags über die geplanten Veranstaltungen in der Umgebung, moderiert Samstags eine Kindersendung und lässt immer Sonntags für gewöhnliche Radiosender ungewöhnliche Musik, wie z.B. Ska, erklingen.

 „Für mich ist das auch ein kleines Stück vom Glück, dass ich mich einsetze, auch für die Stadt.“ Nachdem Silke gewähltes Mitglied der Stadtvertretung Malchin war, ist sie derzeit aktiv im Ausschuss für Schule, Kultur, Sport, Jugend, Senioren und Soziales. Hier beschäftigt sie sich mit vielfältigen Fragen zu unterschiedlichen Themen: Wo kommt das neue Denkmal hin? Wer organisiert das Weihnachtsfest, wer das Stadtfest? Ist eine Erwärmung des Peenebades sinnvoll?

Auch für Flüchtlinge setzt sich Silke ein. Gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Eltern hat sie auf Facebook eine Gruppe gegründet, um Sachspenden für Kinder zu sammeln. In Ihrem Umfeld beobachtet sie dahingehend unter den Einwohnern eine Gemengelage aus Ignoranz & Angst. Angst besonders unter den Ärmsten der Armen. Silke meint dazu: „Ich hab da kein Verständnis für irgendwo. Ich finde, das sind Menschen und gut ist. Mehr gibt’s da gar nicht zu diskutieren.“

Mei Ling Chen, 17 (Schülerin, Malchin)

„Das Problem als Asiate ist hier, es gibt viele Rassisten. Dann wird man immer gleich angestarrt: ‚Öh, guck mal ein Asiate!‘. Ich bin subkulturmäßig unterwegs – schwarze Szene und so – da hab ich sowieso das Extreme gewählt. Jetzt starren mich die Leute an für etwas, das ich will und nicht für etwas, für das ich nichts kann.“

10_mei_ling

Mei Ling Chen wurde am 20. Januar 1997 zusammen mit ihrem Zwillingsbruder in Neubrandenburg geboren. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Malchin, direkt am Steintor in einem alten Fachwerkhaus. Unten im Haus haben die Eltern ein „typisch asiatisches Modegeschäft“, oben wohnt die Familie.

Chens Eltern kamen noch vor der Wende nach Deutschland. Ihre Mutter kam aus Nordvietnam als Arbeitskraft in die DDR. Ihr Vater floh mit dem Vorwand, seinen Bruder besuchen zu wollen, aus China und lebte zunächst im Saarland. Nach dem Mauerfall lernten sich die Eltern in Demmin, nicht weit entfernt von Malchin, kennen und verliebten sich.

Mei Ling Chen mag Malchin, vor allem das Ruhige und die Möglichkeit, schnell in der Natur zu sein. In einer Großstadt zu wohnen kann sie sich nicht vorstellen, außer vielleicht zum Studieren. Wenn Sie nach dem Studium in der Gegend Arbeit findet, würde sie am liebsten wieder zurückkommen.

Nur ein paar Dinge würde sie ändern wollen, wenn sie Bürgermeisterin von Malchin wäre: Ein Jugendzentrum, in dem man herumlaufen und machen kann, was man will, mehr Projekte für Jugendliche und die Umwelt, und insgesamt alles, was Malchin für Jugendliche attraktiver machen würde. In ihrem Fall eine größere ‚schwarze Szene’, mehr Mittelalterkonzerte, Aggrotech, Gothic und Steampunk Music. Nur in eine Schublade stecken lassen möchte sich Mei Ling Chen nicht: „Ich bin auch nicht so ganz ‚schwarze Szene’, weil ich mag auch Punk.“

Sehrin Sohrsh, 41 (Krankenschwester,  Malchin)

„Malchin hat mir Glück gebracht.“

4_Sehrin_Sohrsh

„Liebe ist Liebe“ sagt sie. Mit ihrem Mann ist Sehrin schon über zwanzig Jahre verheiratet. Ihre älteste Tochter ist gerade achtzehn Jahre geworden. Cassandra will etwas mit Sprachen studieren. Die 14-jährige Claudia würde gern Erzieherin werden. Rudi, ihr jüngster Sohn, ist leidenschaftlicher Fußballer. Ihre drei Kinder sind hier geboren. Sehrin und ihr Mann sind kurz nach der Hochzeit nach Malchin gezogen. Sie ist gelernte Krankenschwester

Sie schwärmt von den Festlichkeiten ihrer zweiten Heimat. Kindertag und Silvester. Sie erzählt von ihrer Vorfreude. Besonders Weihnachten findet sie schön; mit den Geschenken für ihre Kinder. Die Feiertage verbringt sie oft im Sozialwerk der Evangelischen- Freikirchlichen Gemeinde Malchin. „Es ist ein bisschen wie Familie“ sagt sie.

In ihrem Herkunftsland lebte sie in einem kleinen Dorf, ihre Familie gehört zur kurdischen Minderheit in Syrien. Deshalb verhinderte ein roter Stift, der sie als Kurdin stigmatisierte, ihren Schulabschluss. Ihre Familie ließ nicht zu, dass sie mit ihrem arabischen  Freund zusammen ist. Der einzige Ausweg in ein selbstbestimmtes und sicheres Leben: die gemeinsame Flucht.

Den ersten Monat in Deutschland verbringt Sehrin ohne Wechselkleidung in dem Flüchtlingsheim in Horst. Danach lebt sie neun Jahre im Flüchtlingsheim in Malchin. Am Anfang nur mit ihrem Mann in einem Zimmer, dann zusammen mit ihren drei kleinen Kindern. In den ersten drei Jahren konnte sie vor Angst nicht ohne Schlaftabletten ins Bett gehen, erzählt sie. Die anderen Männer aus dem Heim hatten ihr Angst gemacht.

 „Nach der Geburt habe ich alles vergessen, die Liebe kam wieder zurück. Mit dem Kinderwagen waren alle so nett zu mir.“

Als den schönsten Tag in Malchin, beschreibt sie die Einschulung ihrer Kinder; wie sie sich traditionell mit Kleid und Schleifen schick gemacht hätten. Malchin sei eine gute Stadt, betont Sehrin.

„So ruhig, ohne Probleme, keine Angst um die Kinder. Zwanzig Jahre – wie meine Stadt.“
Für die Zukunft wünscht sie sich, dass sie mit ihren Kindern hier in Malchin bleiben darf. Für ihre Kinder erhofft sie sich offizielle Papiere, eine geklärte Identität, eine gute Schulbildung. Sie möchte, dass ihre Kinder den Menschen  lieben dürfen, der gut zu ihnen passt. „Kinder sollen lieben dürfen.“

Ein Führerschein wird dringend benötigt. „Ist manchmal peinlich, ich kann die Kinder nicht fahren, immer fragen wer hat Platz?“ Doch die gesetzlichen und behördlichen Regelungen legen ihr Steine in den Weg. Zuerst hatte Sehrin als Geduldete kein Anrecht auf einen Führerschein und einen Sprachkurs, nun ist Arabisch nicht mehr bei der Führerscheinprüfung anerkannt und Deutsch fällt ihr immer noch schwer. Bisher durfte sie auch nicht arbeiten, ihre Krankenschwesterausbildung wird nicht anerkannt. Nach 20 Jahren darf sie jetzt bald ein Praktikum machen.

Reinhard Peters, 58 (Schlosser, Neukalen)

„Ich arbeite beim Bundes­freiwilligendienst in den Grünanlagen – seit einem Jahr. Dann hab ich noch ein halbes Jahr Verlängerung gekriegt. Dies ist nun die letzte Woche… Ich würd’ hier sofort weiterarbeiten, wenn ich die Gelegenheit dazu bekäme.“

8_reinhard_peters

Reinhard Peters wurde in Neukalen geboren. Er machte eine Ausbildung als Schlosser und arbeitete nach seiner Armeezeit in einer nahegelegenen LPG. Die kleine Stadt Neukalen am Rande der Mecklenburgischen Schweiz wird durch den Peene-Kanal und das nahe gelegene Niedermoor geprägt.

Nach der Wende wurde Peters in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb angestellt und arbeitete dort, wie er sagt, „als Mädchen für alles“. Als der Betriebsinhaber starb, erhielt er zwar noch ein anderes Angebot als Vorarbeiter in einem Tierbetrieb, doch die Arbeit habe ihm nicht gelegen.

Deshalb nahm er Ende der neunziger Jahre an einer Umschulungsmaßnahme zum Maurer teil. In den Folgejahren gab es für Maurer viel Arbeit. Reinhard Peters litt jedoch zunehmend an Rückenproblemen, die er sich in seiner Zeit als Landwirtschaftsschlosser beim Instandsetzen der schweren Ketten der Rübenernte-Maschinen zugezogen hatte. Wieder musste er seinen Job aufgeben.

Zurzeit arbeitet er beim Bundesfreiwilligendienst und pflegt den Spielplatz und den Park von Neukalen: „Die Arbeit belastet meinen Rücken nicht so schwer und die Schmerzen sind auszuhalten,“ sagt er. Er findet es schade, dass dieser sinnvolle Job bereits im September 2014 ausläuft. Anderthalb Jahre darf er für den Bundesfreiwilligendienst arbeiten, Verlängerung ist ausgeschlossen.

Seine Freizeit verbringt Peters mit seiner Frau in ihrer Laube nahe den Neukalener Wiesen. Der Wandel der Landschaft sei für ihn vor allem durch den Anstieg von Mücken und Bremsen zu spüren, die viel zahlreicher sind als in den vorangegangenen Jahren. Es sind neue Nachbarn aus dem Niedermoor. Das benachbarte Moor und die Feuchtwiesen waren früher trockengelegt und dienten als Weideland für Vieh. Im Zuge von Renaturierungs-Initiativen wird ihnen wieder Wasser zugeführt, unter anderem damit das CO2, das in ihnen verschlossen ist, nicht weiter in die Atmosphäre tritt. Mit diesen Nachbarn müssen die Peters nun wohl leben.

Wilhelm Karge, 63 (Landwirt, Schlakendorf)

„Früher gab es Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Heutzutage kann man sich auf nichts mehr verlassen. Ich sag’ Euch, in zehn Jahren steht hier keine Kuh mehr auf der Weide.“

3_wilhelm_karge

Im letzten Zipfel von Schlakendorf, einem Dörfchen am Rand er Mecklenburgischen Schweiz, in dem alle Straßen den gleichen Namen tragen, steht das Haus von Wilhelm Karges Familie. Karge ist Landwirt. Zu DDR-Zeiten arbeitete er in der Landwirtschaftlichen Produktions­genossenschaft, die Getreide und Tiere in alle osteuropäischen Länder, insbesondere Russland, lieferte.

Nach der Wende machte er sich hier mit einem landwirtschaftlichen Betrieb selbstständig. Karge betreibt auf seinen 240 ha gepachtetem Grünland eine Mutterkuhhaltung mit über 100 Tieren. Im Gegensatz zur agroindustriellen Fleischproduktion wachsen die Kälber hier bis zu zehn Monate im Freien bei ihren Müttern auf und werden anschließend zum Ort der weiteren Nutzung transportiert.

Die wenigsten der ehemaligen LPG-Mitarbeiter konnten jedoch wie Karge nach der Wende in der Landwirtschaft bleiben. Nachdem die LPGs aufgelöst und in private Agrarbetriebe umgewandelt wurden, verlor ein Großteil der Menschen ihre Jobs.

Wilhelm Karge wollte nach der Wende einen Familienbetrieb gründen, eine Familie kann jedoch heutzutage kaum von den Erträgen leben. Da die Kinder wahrscheinlich nicht den Hof weiterführen werden, rechnet er damit, dass die Weiden und Wiesen bald nicht mehr bewirtschaftet werden. Zumal das Wetter immer unberechenbarer wird. In den letzten Jahren wurde das Peenetal oft überflutet. Seine Kühe standen knietief im Wasser.

Karge ist voller Fragen. Viele Entwicklungen in der Region sind für ihn nur noch absurd. Noch immer werden große Landflächen von Investoren aufgekauft und an die Landwirte verpachtet. Die Konzerne, die dahinter stecken, sind teilweise alles andere als naheliegend: „Fielmann hat hier viel Land gekauft. Fielmann! Wisst ihr, was die herstellen? Genau, Brillen. Die verpachten jetzt!“ Auch die Produktionswege scheinen ihm fragwürdig. Statt die Tiere zu dem Schlachthof ein paar Dörfer weiter zu bringen, muss er sie hunderte von Kilometern nach Sachsen-Anhalt liefern.

Bernd Kleist, 56 (Dorfaktivist & Ladenbesitzer, Gessin)

„In Gessin leben wir Soli­da­rität. Für Besucher gibt es freie Stellplätze für Wohnmobile. Wir bieten den Leuten auch an, die Toiletten und Waschgelegenheiten im Mittelhof zu nutzen. Das spüren die Touristen. So werden Gäste und Urlauber zu Nachbarn auf Zeit“.

15_bernd_kleist

Das Dorf Gessin liegt im Landkreis Demmin, einer Region mit extrem hoher Abwanderungsquote. Seit 1991 fiel hier jeder dritte Arbeitsplatz weg. 17 Prozent  der Bewohner im erwerbsfähigen Alter leben von finanzieller Hilfe – ein deutscher Rekord. Als Bernd Kleist bei einer Informationsveranstaltung des Landes zu demografischem Wandel von seinem Sitznachbar hörte, „Bernd, weißt Du wie es ist, jeden Tag aus der Dose zu fressen?“ war klar, es musste sich etwas ändern.

Der ehemalige Lehrer und Verwaltungsangestellte gründete gemeinsam mit seinen Dorfnachbarn den Verein Mittelhof Gessin e.V., baute ein altes Gebäude seines Anwesens zu einem CO2-neutralen Dorfhaus um und brachte ‚Leben in die Bude’. Vom Männerabend, über die Gründung einer eigenen Schule, bis hin zum gemeinsamen Mittagstisch, Konzerten, Mal-, Computer-, Keramik- und Filmaktivitäten – die Bewohner krempelten ihr Dorf um. Heute kommen viele Besucher, um zu lernen, wie sie es gemacht haben. Auch moderne Initiativen mit technischem und touristischem Weitblick tragen dazu bei: Gessin hat die einzige E-Tankstelle der Region.

Im September 2013 startete das neueste Projekt von Kleist und seiner Frau Maria, die Gründung eines Naturkostladens in ihrem Mittelhof. Dort schenkt Kleist nun Kaffee aus und schnackt mit bekannten und unbekannten Gesichtern. Gegenüber des Ladens befindet sich die liebevoll renovierte Dorfkapelle: „Maria und ich haben dort geheiratet – das war wahrscheinlich die erste Hochzeit seit 100 Jahren. Früher gab’s hier nur Beerdigungen.“

Gessin ist ein „Bauerndorf“ mit 70 Bewohnern (davon 15 Kinder). „Keiner will aus dem Dorf weg,“ sagt Bernd Kleist. Und trotzdem ist klar, das Dorf wird älter. Statt dem Altern hilflos zuzusehen, haben sich die Bewohner jedoch bewusst dafür entschieden „gemeinsam kulturvoll zu altern.“ Dazu gehört, sich schon jetzt gut kennenzulernen, Kultur ins Dorf zu holen und gemeinsam Lebensräume und Transportnetzwerke zu schaffen, auf die man im Alter vertrauen kann.

Auf die Frage, was das Dorf in Zukunft braucht, antwortet Kleist: „Noch mehr Nachhaltigkeit und weitere Entwicklungen. Unser Dorf hat Lust auf Wandel.“

Kathrin Wetzel, 46 (Bildhauerin, Gessin)

„Nach der Wende war alles möglich. Die Verwandt­schaft hat es damals in den Westen gezogen. Ich habe nie weggewollt. Ich liebe die Landschaft. Sie hat mich geprägt.”

5_kathrin_wetzel_ohnetext

Die Skulptur “Die Wartende” steht auf einem Sockel im Garten vor dem Atelier von Kathrin Wetzel. Ein genauer Blick auf die Hände offenbart eine starke Körperspannung. Im nächsten Augenblick könnte sich die Figur drehen. Oder direkt aus dem Stand losschreiten – als wäre der Moment festgehalten, in dem die Entscheidung für eine Bewegung getroffen wird.

Die gebürtige Gielowerin lebt mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern in Gessin, einem Ortsteil von Basedow. Wetzel nennt sich selbst die ‚ewig Suchende’, sie erkundet immer wieder neue Pfade. Über die Jahre arbeitete sie als Bauzeichnerin, psychologische Beraterin und Kinderbetreuerin. Alle Erfahrungen kamen ihr zugute, erinnert sie sich. Ihrer Meinung nach lernte sie dadurch Menschen wirklich zu ‚erkennen’.  Vor zwei Jahren machte sie sich dann als Bildhauerin selbstständig.

Das Studium absolvierte Wetzel an der Rostocker Technischen Kunstschule. Ihre Tage waren lang. Nachdem sie die Jüngsten zur Kita und zur Schule brachte, fuhr sie die 80 km zur Kunstschule. Um 9 Uhr startete ihr Unterricht, um 15 Uhr endete er. Im Gespräch erinnert sie sich, wie tief zufrieden sie immer nach Hause gekommen sei: “Das ist ein ganz altes Handwerk, das ich hier umsetze.“ Auch für ihre Kinder sei es eine Bereicherung, dass sie Bildhauerei studiert habe. Ironisch sprechen sie von einer ‚Atelierisierung’ des Hauses.

Wetzels Mann Bernd und dessen Eltern, die gemeinsam auf dem Hof leben, sind Landwirte. Es schmerzt sie zu sehen, wie viele Lebensmittel in Deutschland täglich im Müll landen: „Ich habe zu Bernd gesagt, warum stehst du morgens überhaupt noch auf, wenn 10 Prozent unserer Lebensmittel weggeschmissen werden?“

Gessin ist ein Dorf, in dem Bürger seit etlichen Jahren ihre Dorfgemeinschaft aktiv (um)gestalten – für sich, für ihre Kinder, für die Alten. Wetzels Wurzeln in der Mecklenburgischen Schweiz sind sehr stark. Nur ein einziges Mal habe sie ernsthaft darüber nachgedacht wegzuziehen – aus Angst, ihre Kinder nicht vor rechtsradikalen Übergriffen schützen zu können: „Die sind eben geradeheraus, nehmen kein Blatt vor den Mund.“

Herr Scherer über Bildung und Kultur (Schuldirektor, Malchin)

Interview mit Herrn Scherer, dem Schuldirektor vom  Fritz-Greve-Gymnasium: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Bildung uns Kultur für die Zukunft von Malchin?

 [August 2015, gekürzt und zum Teil modifiziert]

Über die Stadt Malchin und seine Bevölkerung

Stadttor von Malchin

Stadttor von Malchin

Ich selbst lebe nicht in Malchin, wie auch viele Lehrer des Hauses keine Malchiner sind. Gleichwohl bin ich hier seit 10 Jahren mit dem Herzen in der Schule und habe auch Vorstellungen, die die Kommune hier betreffen und die Entwicklung dieser kleinen Stadt.

Dass so viele von Lehrkörper nicht hier wohnen, hängt auch damit zusammen, dass man in diesem Ort Malchin, nicht gut leben kann. Das geistig kulturelle Milieu, der geistig kulturelle Hintergrund in so einer kleinen Stadt wie in Malchin, ist für mich persönlich zum Leben nicht gut geeignet.

Malchin, ist ein Ort dessen Bevölkerung seit der Wende mehr als halbiert ist. Es gibt kaum Industrie, es gibt im Vergleich zu anderen Regionen  noch relativ viele industrielle Betriebe, aber im Vergleich zu früher ist das extrem zurückgegangen. Die sozial-demographische Struktur ist richtig schwierig geworden. Nicht nur die Altersstruktur, sondern auch Sozialgeographie, die da durchschlägt. Wir merken das auch hier in der Schule, ähm, mehr als die Hälfte unserer Schüler kommt nicht aus Malchin.

Mit dem Wegfall staatlicher Einrichtungen in Malchin, mit dem Wegfall kultureller Einrichtungen, ist eben dieser Aderlass diesbezüglich kräftig voran geschritten. Malchin war früher mal eine Kreisstadt. Es gibt mittlerweile – es gibt Gott sei Dank – noch ein Krankenhaus (Außenstelle des Klinikums von Neubrandenburg). Es gibt Gott sei Dank noch sehr viele verschiedene Schulen am Ort, das ist durchaus nicht typisch. Es gibt  vergleichbare Orte in Mecklenburg-Vorpommern, die haben bestenfalls noch eine kleine Grundschule. Und wir haben hier von Gymnasium bis zu Förderschulen und Berufsschulen immer noch das ganze Spektrum. Das ist schon bemerkenswert. Aber das war’s dann. Und damit verbunden ist, damit einher geht ein gewisser Aderlass einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.

Kultur auf dem Land, Brache in der Stadt

Gessin

Gessin

Es ist in vielen Zusammenhängen zu erkennen, dass der Anteil der wirklich gut qualifizierten, kultivierten Leute zunehmend abnimmt. Die, sagen wir mal, Eliten der Stadtverwaltung usw. leben alle nicht in Malchin. Die leben in Dörfer hier drum herum, in einer wunderschönen Gegend und bereichern in ihren Dörfern das kulturelle Leben. Es ist hoch beeindruckend was in Dörfern wie z. B. Gessin passiert. Nur davon bekommt die Stadt Malchin nichts ab! In Malchin sind – zugespitzt formuliert -die geblieben, die diese Möglichkeit nicht hatten. Diese sozialen Verwerfungen der letzten 20 Jahre merkt man.

Was die Zukunft, die nahe Zukunft, von Malchin und sehr vieler anderer Mecklenburgischer Kleinstädte betrifft, da gibt es von vielen Experten zahlreiche Prognosen. Der einzige Weg, diesen Gemeinden wieder Leben einzuhauchen, geht meiner Ansicht nach nur über Kultur. Dann bekommt man vielleicht die Menschen hierher, die man haben möchte. Auch wenn das arbeitsmäßig und vom wirtschaftlichen Hintergrund natürlich keine Konkurrenz aufbauen kann zu Hamburg oder zu solchen Kernen, Berlin, oder wie auch immer. Vielleicht muss man auch abwarten, bis in diesen großen Zentren diese Systeme kollabieren. Bis alle erkennen, dass man auch auf dem flachen Land gut leben kann. Das zu einem guten Leben auch mehr gehört, als nur mehr Geld zu verdienen.

Vielleicht wird das auch so sein, dass in 50 oder 60 Jahren einige Orte nicht mehr existieren werden. Oder sie existieren, sind aber von der öffentlichen Versorgung getrennt. Es wir auf lange Sicht  nicht möglich sein, jedem kleinen Ort infrastrukturell Leben einzuhauchen, das wird einfach finanziell nicht machbar sein.

Tourismus als Lösung aller Probleme?

Na, ich denke es gibt in Deutschland so viele Regionen die touristisch interessant sin, nicht nur Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt sehr viele Regionen! Es ist ein riesiger Fehler, wenn man aus wirtschaftspolitischer Sicht allein auf Tourismus setzt. Man muss auch sehen, was der Tourismus mit der Gegend macht, nicht nur ökologisch. Besonders, wenn es in Massentourismus ausartet. Z. B. an der Ostseeküste, da will man sich nicht mehr aufhalten im Sommer, weile es Wirklich unerträglich ist!

Die große Landflucht

Landidylle |Landflucht

Landidylle |Landflucht

Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Zahl der Menschen die diese spezielle Art zu leben mögen, in naher Zukunft zunehmen wird. Ich denke von staatlicher, zentraler Stelle aus sind diese Dinge, die wir gerade haben (Klimawandel, Migration…) mit dem Kapitalismus nicht zu lösen. – Der Kapitalismus kann aus sich selbst heraus die anstehenden Probleme nicht lösen. – Es wird eine Bewegung stattfinden, die Leute werden wieder aufs Land gehen, besonders die Leute mit Kindern.

Mitwirken erlaubt und keinen interessierts

Es gibt Regeln, gesetzliche Regeln die also vorschreiben, die wir als Schule mit den Eltern zu arbeiten haben. Das ist das Formale und das passiert auch. Es gelingt uns bestenfalls punktuelle, über diesen Rahmen hinaus die Eltern mit einzubeziehen. Die Schule ist eine staatlich Einrichtung, die Lehrer sind Amtsträger, der Schulleiter ist ein Amtsträger und wird auch per se beargwöhnt.

bored-16811_1280Es ist in Deutschland, lange lange vorbei, das Kinder es als Errungenschaft, als Glück wahrnehmen, dass sie zur Schulen gehen können. Also, Gott sei Dank nicht von allen, aber von vielen wird Schule als notwendiges Übel, als notwendige Pflichtaufgabe angesehen. So ganz pragmatisch. Man muss seinen Schulabschluss machen, um später einen Job zu bekommen.

Für Eltern ist ein Lehrer gut, wenn das eigene Kind den Lehrer mag. Für Eltern ist eine Schule gut, wo das Kind gerne hingeht und wo es gute Noten hat. Das schließt natürlich ein, das man in Einzelfällen auch sehr nett und freundlich miteinander umgeht. Das ist der Vorteil einer ländlichen Region. Ich wünschte mir schon, dass sich auch Eltern von älteren Schülern mehr interessierten. Sie sollen ja nicht mitmachen, das ist unser Job, aber dass sie sich interessieren.

Es gibt leider, leider recht viele Eltern, die gefühlt der Meinung sind, dass für die Erziehung der Schüler ausschließlich die Schule zuständig ist. Und es gibt Lehrer die die gegensätzliche Meinung vertreten. Die sagen, sie bringen nur Wissen ein.

Ein Beispiel, wir haben hier bei uns in der Schule ein rigoroses Handyverbot. Während des Schultages darf keiner ein Handy benutzen. Im Wesentlichen bekommen wir das durchgesetzt. Es gibt viele Eltern, die uns auf die Schultern klopfen uns sagen, gut, haltet das durch. Aber zuhause am Esstisch bekommen sie das nicht durchgesetzt.

Schule als Leuchtturm für Kultur und Bildung

Ja und wir als Schule, als Gymnasium versuchen ein kleine kultureller Leuchtturm zu sein. Nicht aus profilneurotischer Sicht, sondern weil das für die Kinder wichtig ist. Das ist ein Grund mit, warum wir hier in der Schule einen sehr hohen Aufwand betreiben, besonders im musischen Bereich sehr viel Anregungen zu geben für unsere Schüler. Konzerte, und Kulturveranstaltungen und solche Dinge.

Kulturnacht in Malchin am Fritz-Greve-Gymnasium | gymnasium-malchin.de

Kulturnacht in Malchin am Fritz-Greve-Gymnasium | gymnasium-malchin.de

Das größte Projekt hier in unserer Schule findet bald zum 10. Mal statt – die Kultur-Nacht. Alle Schulen der Stadt, auch Privatschulen aus der Umgebung und die Musikschule machen mit – vom Förderschüler bis zum Musikschüler der bei „Jugend Musiziert“ Preisträger ist. Jeder kann kommen und zuschauen.

Wir haben verschiedene Gruppen, z. B. einen Chor.  Alle unsere Schüler werden „gezwungen“ auch mal ein klassisches Konzert zu besuchen. Aber wir gehen auch zu moderneren Veranstaltungen: Musicals in Hamburg, Jazz in Rostock. Von er Geographie liegt Malchin so günstig dass man Berlin Hamburg und Rostock relativ schnell erreichen kann. Wir versuchen das zu streuen. Einige nehmen das an, und interessieren sich. Unsere Schüler gestalten auch kleinere Programme mit dem Bibliotheksverein und mit der Musikschule zusammen.